It's always darkest before the dawn

Zu den um die Weihnachtszeit in meiner Familie gerne erzählten Geschichten gehört die der sibirischen Tanne.

Es muss irgendwann in frühen 2000ern gewesen sein, und mein Vater hatte es auf den letzten aller Drücker ankommen lassen, um sich seinem Aufgabenfeld, der Baumbeschaffung, zu widmen. Auf einem bereits im Abbau befindlichen Verkauf vorm Baumarkt wurde er fündig; die Tanne war die letzte ihrer Art. Unten war sie breiter als oben. Zumindest auf der Seite, an der sie überhaupt Äste hatte. So stellte mein Vater sich Gewächse vor, die jahrzehntelang dem Wind der sibirischen Steppe zu trotzen hatten. 50 Cent musste er bezahlen. Eine Packung Aldi-Lebkuchenherzen gab es gratis dazu.

Mein Vater war sehr zufrieden. Der Familienrest nicht so.

2020 erscheint mir die sibirische Tanne unter den Jahren. Freiwillig ausgesucht hätte zumindest ich es mir nicht. Um wenigstens etwas Charme daran zu entdecken, braucht es viel Wohlwollen. Darauf zu verzichten wäre durchaus möglich gewesen. Irgendwie überflüssig, bemitleidenswert, übel. Dennoch, vergessen werden wir es nicht.

Unseren Städten wird es ähnlich ergehen, auch wenn noch niemand weiß, was hängen bleiben wird.

Die Einen sehen das Ende der Enge, Dichte und damit des Konzeptes Stadt. Warum Treppenhaus, U-Bahn und Spielplatz mit so vielen fremden Virenschleudern teilen, wenn das Homeoffice auch das Leben in der mit günstigen Mieten gesegneten Einöde erlaubt? Die Bürotürme werden in den nächsten Monaten eh verwaisen, die Einkaufsstraßen leer stehen, und in Clubs und auf Konzerte trauen wir uns nie mehr.

Oder eben doch, weil der Nachholbedarf an Erlebnissen, Gemeinschaft und Abwechslung post Corona riesig sein wird. Die Goldenen Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts folgten nicht nur auf einen Weltkrieg, sondern auch auf die Erfahrungen mit der Spanischen Grippe. Und wo feiert und lebt es sich besser als in der Stadt?, so die Anderen.

Als ich Anfang des Jahres diesen Newsletter startete, wollte ich einen Kanal schaffen für meine urbanen Erkenntnisse und Erfahrungen, die ich einsammle, wo und wohin ich auch gehe. Brüssel, London, Wien und Prag standen für 2020 schon gebucht auf der Liste. Stattdessen ist es dann Berlin geworden, Berlin und wieder Berlin.

Ein paar Laufschuhe und zwei paar Sneaker habe ich in diesem Jahr an Asphalt und sehr mies verlegte Gehwegplatten verloren (lesen Sie demnächst den großen Enthüllungsroman “Schwarzbuch Schuhindustrie – Gar nichts fürs Laufen gemacht!”) und viel gelernt. Wenn auch anderes, als gedacht.

Wer wissen möchte, was das Trendwort Resilienz wirklich bedeutet, der spaziere am Sonntagmorgen vor acht durch Berlin. Die Stadt ist so ruhig, so friedlich und so mir doch egal, ob da gerade Pandemie tobt oder alle nur ihren Rausch ausschlafen. Ich war hier, ich bin hier, ich werde hier sein.

Dass ich mich als bekennende Stadtfreundin hiermit zugehörig zum Team „Urbane Renaissance“ zähle, überrascht vermutlich nicht. Und natürlich ist auch mir klar, dass die Stadt kein Organismus ist, sondern Hülle. Am Ende ist alles von uns menschengemacht.

Dieses Jahr hat viel in Bewegung gebracht, was unser Zusammenleben in Städten betrifft. Die einen setzen wieder voll aufs Auto, weil eine Fahrt in der stets vollen und Schienenersatzverkehr-gefährdeten S-Bahn für sie unzumutbar geworden ist. Andere fordern hingegen mehr vom öffentlichen Raum für Spaziergänger:innen, Radler:innen und Kinder, zum Spielen. Gerade in der Debatte um die zeitgemäße Fortbewegungsart hat 2020 den Turbo gezündet.

Doch auch darüber hinaus gibt es viele spannende Fragen: Was wird aus der großen Bewegung geteilter Flächen, vom Co-Working bis zum Co-Living? Was aus dem Konzept Büro? Wo halten all die Lieferfahrzeuge, die uns Zalando ins Haus bringen, wo wir früher selbst zu H&M gingen? Gibt es Restaurants bald nur noch Lieferando-to-go, und brauchen die dann noch zentral oder nicht doch eher im Gewerbegebiet ihren Platz?

Womit ich sagen will: 2021 wird es vermutlich noch eine Weile an einigem mangeln (ich bitte den an dieser Stelle mit voller Absicht ausgelassenen Klopapier-Witz zu beachten). An Themen für diesen Newsletter aber nicht.

Bis dahin vielen Dank fürs Mitverfolgen, und ich freu mich, wenn wir uns im kommenden Jahr wieder- und weiterlesen und gerne auch mal voneinander hören. Fragen, Anregungen, Kritik und Lob gehen an post@zentraleorte.de. Auch über Weiterempfehlungen des Newsletters freue ich mich sehr.

Frohe Weihnachten, kommt gut rüber auf die andere Seite – und bleibt gesund!


Urbanes andernorts

  • Geht gerade nur digital, aber immerhin. AirBnB macht jetzt in der Vermittlung von Stadterkundungen und nennt das “Online-Entdeckungen.”

  • Wer sich genauso gerne Pläne von Städten anschaut wie ich, wird “Mapping a World of Cities” lieben, für das zehn Bibliotheken und Sammlungen in den USA in ihre Archive gestiegen sind.

  • Kleiner Werbeblock unter Geschwistern zum Schluss: Meine große Schwester gibt Integrationskurse und spricht nun in der Podcast-Reihe “Auf Integrationskurs” mit (ehemaligen) Schüler:innen, wie das so läuft mit dieser Integration.


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