Durch die Augen von Google Maps

Wenn Menschen, die ins Internet schreiben, immer recht hätten, hätte ich in der vergangenen Woche einen grandios ungenießbaren Muffin verzehrt. Nun weiß, wer mich kennt, dass wenig mir schlechtere Laune zu bereiten vermag als Backwaren minderer Qualität. Dem war aber nicht so, ganz im Gegenteil.

Die Bäckerei als Urheberin des Teig-Traums spürte ich vor einiger Zeit auf einem Spaziergang auf. Vor Eintritt der Pandemie wäre mir das nicht passiert, denn 1.) latschte ich dann nicht manisch täglich kreuz und quer übern Prenzlauer Berg, und 2.) hätte ich, wenn ich Bock auf kulinarische Neuigkeiten hätte, nicht meine Füße losgeschickt, sondern Google Maps gecheckt. 

Ja, ich weiß: Google ist der Feind, weil das Unternehmen Daten sammelt wie sonst nur Payback, alles an die NSA und nichts ans Finanzamt weitergibt und nebenbei kurz vorm Erlangen der Weltherrschaft steht – wobei nicht ausgeschlossen ist, dass Letzteres längst erfolgt ist. Aber wie viele bin ich unfassbar bequem, und wenig hilft bei der Orientierung in größeren Städten so sehr wie Google Maps. 

„Wenn ich mit meiner Bäckerei nicht bei Google Maps bin, bin ich nicht“,

sagt Karsten Greve, der jeden Tag in seinem Laden „100 Brote“ sowie sehr empfehlenswerte Apfel-Streusel-Muffins backt. Längst ist Maps nicht mehr nur ein Kartendienst, sondern gleichsam Tor und Gebrauchsanweisung zur Stadt. Wo ist die Bücherei? Wann hat das Bürgeramt geschlossen? Welche neapolitanische Pizza im Umkreis ist die Beste? Und welcher Bus bringt mich direkt bis vor deren Tür? Die Antwort auf alle Fragen bietet dieses eine, auch noch kostenlose Angebot.

Wo unzählige nützlichen Informationen zusammenlaufen, bündelt sich nebenher viel Macht. Womit wir zurück zum Einstiegssatz-Gebäck kommen, welches mir freundlich überreicht wurde und hervorragend schmeckte. Was beides nicht sein kann, wenn man Google Maps und den dazugehörigen Bewertungen glaubt. 

„Nicht zu empfehlen! Unfreundliche Mitarbeiter, unverschämtes Verhalten. Vergleichsweise schlechte Qualität der Waren. Da war ich zum ersten und letzten Mal“,

steht dort über Greves „100 Brote“, und es kommt noch krasser.

„Diskriminiert Menschen mit Behinderung. Unmögliche Geschäftsleitung und Führung!“

Oder auch:

„Die Bedienung ist extrem pampig, eine fürchterliche unverschämtheit! Ab Trimo ! Außerdem wurde ich antisemitisch beleidigt!“

Was zur Hölle ist da los? 

Keiner der Kommentare steht für sich; jedem einzelnen hat der Inhaber der Bäckerei widersprochen. „Du warst eh nie da. Keine Maske - kein gar nix“, schreibt er, oder „Wir diskriminieren niemanden. Nur leider gilt - ohne Maske gibts kein Brot, keinen Kaffee, kein gar nix.“

Offenbar haben Querdenker zu viel Tagesfreizeit, oder „Rares für Bares“ ist nicht fesselnd genug, sodass Kapazitäten fürs Stänkern im Netz übrig bleiben. 

Am Telefon erklärt Karsten Greve: 

„Das Problem ist, dass bei Google Maps jeder kommentieren und seinen Mist loswerden kann. Weil wir konsequent auf die Maskenpflicht achten, haben Trolle viele sehr schlechte Bewertungen über unseren Laden hinterlassen. Dabei waren sie niemals hier. Das haben wir Google gemeldet, wo uns jedoch mitgeteilt wurde, dass nur anstößige Inhalte gelöscht werden. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als selbst dagegenzuhalten.“

Ob sein Geschäft wirklich unter schlechten Kommentaren bei Google Maps leide, könne er schwer beurteilen, meint er. Eine Bäckerei sei hauptsächlich ein Laden für den Kiez, da sei die Präsenz im Internet im Zweifel nicht so zentral. „Aber uns ist definitiv nicht egal, was da steht.“

Ohne Googles Dienst wäre ich mittlerweile zu Hause, aber auch auf jeder Reise (für die Jüngeren unter uns: sowas hat man früher mal gemacht) zwar nicht verloren, aber ich hätte definitiv schwerer Spaß. 

Wenn ich in London zum schönsten Kreisverkehr der Stadt möchte, aber bitte überirdisch, weil meine innere Fünfjährige im Doppeldeckerbus gerne oben vorne sitzt. Dann markiere ich bei Google Maps „Bevorzugtes Transportmittel: Bus“ und mache, was das Smartphone sagt. 

Wenn ich in Wien eine Unterkunft suche, aber weder im Schlösser-Nirvana noch zwischen Touri-Bettenburgen, sondern dem Klischee gerecht im Hipster-Viertel unterkommen will. Aber gerade nicht weiß, wo das Hipster-Viertel liegt. Dann gebe ich bei Google Maps „Craft Beer“ ein, und wo die meisten Treffen kulminieren, buche ich mich ein. Also in keiner Bar, sondern in einem Hotel in der Nähe. Den kurzen Weg zum Feierabendbier nehme ich als Kollateralschaden hin.

Wenn ich in Wrocław meine speziellen Essensvorlieben optimal bedient wissen möchte, lasse ich mir bei Maps vegetarische Restaurants anzeigen. Und nur drei Stunden später habe ich nach ausführlicher Betrachtung aller Fotos und Lektüre der Speisekarten einen Plan. Was gelogen ist, denn das Angebot fleischfreier Speisen in Polen reicht für höchstens für zehn Minuten Beschäftigung aus. 

Und mittlerweile bin ich so verdorben, dass ich, wenn ich unterwegs ein nett aussehendes Café entdecke, erstmal das Smartphone zücke und schaue, wie der Obststreusel aussieht und ob das Internet ihn empfiehlt.

Obwohl ich (Prenzlauer Berg verpflichtet) großen Wert auf meine Individualität und Einzigartigkeit lege, zeigen die Daten: Mit diesem Verhalten bin ich nicht allein. Wie bei jedem Monopol steckt in dieser Dominanz jedoch ein Problem, das unsere Städte und damit uns zunehmend vor Herausforderungen stellt. 

Für urbane Autofahrer:innen darf es oft nicht der kürzeste, sondern gerne der schnellste Weg von der Arbeitgeber:innentiefgarage zum Biomarkt sein. Wo es lang geht, zeigt dank seines Daten-Wissens um die aktuelle Verkehrssituation Google Maps – was blöd ist, wenn alle den Dienst nutzen. Arme Menschen, deren kurvige Wohnviertelgasse als Ausweichroute dient, kennen und hassen die stinkig-lärmenden Folgen dieses Phänomens.

Mit gelben statt der sonst üblichen grauen Schattierungen markiert Google Maps „areas of interest“. Das sind Straßen und Quartiere, in denen sich Geschäfte, Cafés und Bars ballen. Blöd – oder sagen wir gleich: offen diskriminierend – ist nur, dass Kieze mit ärmerer, migrantischerer Bewohnerschaft seltener unter diese hervorhebenswerte Kategorie fallen. In der Folge gehen ihnen Kund:innen von außerhalb durch die Lappen. 

Und manchmal ändert Google Maps sogar nachhaltig den Namen von Vierteln, weil wichtiger ist, wie Google bzw. internetaffine Investoren die Gegend nennen als die Menschen, die dort seit Jahrzehnten leben. 

Völlig egal, wie es in der Realität vor Ort aussieht: Hebt Google den Daumen, rennen alle hin. Sonst halt nicht. Mittlerweile hat jeder Park, jede Schule, jede Aldi-Filiale ihren eigenen Eintrag. Wie gut man dort wegkommt, ist elementar fürs Geschäft. Wen Maps nicht kennt, der wird abgehängt.

Das hat mittlerweile auch der Handelsverband Deutschland (HDE) verstanden und sich mit Google zur Initiative ZukunftHandel zusammengetan. Die hübschen Spots mit dem glücklichen Floristen und dem freundlichen Buchhändler laufen gerade vor der „Tagesschau“:

Zum Start der Initiative im Herbst vergangenen Jahres erklärte Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des HDE:

„Der Einzelhandel bildet das Fundament unserer Innenstädte und leistet einen essentiellen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, auch als wichtiger Arbeitgeber und Ausbilder. Lokale Einzelhändler in den Innenstädten fit für die Zukunft zu machen, liegt folglich im gesamtgesellschaftlichen Interesse. Die Händler brauchen dabei gerade in der aktuellen Krise Angebote, die dabei helfen, sich ohne allzu großen Aufwand zu digitalisieren”.

Nun unterstützt Google diese unter anderem dabei, ihre Öffnungszeiten und Liefer-Möglichkeiten bei Google Maps zu aktualisieren, Online-Auftritt samt -Shop aufzubauen oder zu professionalisieren und online für sich zu werben. (Wie man seinen Facebook-Auftritt pflegt, gehört wohl eher nicht zum angebotenen Programm. Du sollst halt keinen Datenkraken neben mir haben!) Die Kosten für den Spaß trägt laut HDE-Sprecher Stefan Hertel Google. 

Auf meine Frage, wie sein Verband zu negativen Effekten der Google-Omnipräsenz stehe, wie sie „100 Brote“ kennt, verweist er an das US-Unternehmen. 

Von dort antwortet „ein:e Google-Sprecher:in“ (so wurde mir das von der zuständigen Presse-Agentur übermittelt), was Unternehmens-Sprecher:innen auf unangenehmere Fragen so sagen: sehr viel und doch irgendwie nichts:

„Wir investieren erheblich in die Entwicklung von Technologien und die Einführung neuer Verfahren, die Menschen dabei helfen, zuverlässige Informationen über Orte und Unternehmen auf Google zu finden. Unsere Richtlinien besagen transparent, dass Bewertungen auf echten Erfahrungen und Informationen basieren müssen. Wir überprüfen Beiträge rund um die Uhr genauestens auf betrügerische Inhalte – sowohl mit Hilfe unserer automatisierten Prüfsysteme als auch unserer Mitarbeiter:innen. Zusätzlich stellen wir Tools bereit, mit denen man mögliche unangemessene Inhalte zur Überprüfung melden kann."

Joah. 

Laut Google arbeiten fleißige Roboter ohne Unterlass daran, eingehende Beiträge zu scannen und Quatsch und Regelwidriges rauszufiltern, zu löschen und im Zweifelsfall die dazugehörigen Nutzer:innen zu sperren. Weil Algorithmen noch nicht alles beherrschen, werden sie dabei von Menschen unterstützt. 

Troll-Opfer wie Karsten Greve könnten als falsch empfundene Bewertungen gerne melden, so Google. Zudem bliebe der Gang vors Gericht. In den meisten Fällen ginge es dort aber nicht um Fakes, sondern um echte, als echt unfair empfundene Beschwerden. Im Schnitt seien von 100 Kommentaren bei Google Maps über 99 echt. 

Für Karsten Greve ist das nur ein kleiner Trost. Er hat sich schließlich bei Google beklagt, doch passiert ist nichts. Zudem hört das Problem der Bewertungen beim bewussten Verleugnen nicht auf:

„Von 100 Gästen schreiben zwei, dass sie es scheiße fanden. 98 waren zufrieden und schreiben nichts. Die Bewertungen sind sehr polarisiert. Wir haben Kommentare wie ,Tolle Brote, super Zimtschnecken, aber keine Toilette – ein Stern’.“

Ich persönlich fasse dieses Phänomen gerne als „die beste / die schlechteste Pizza der Stadt“ zusammen: Kommentator:innen sind zumeist entweder überschwänglich begeistert oder maximal angewidert. Ein Dazwischen gibt es nicht. Mittelmäßigkeit treibt seltener den Blutdruck in bedenkliche Höhen und damit auch seltener an die Tastatur. 

(Zur Frage, was ein richtig gute Pizza ausmacht – Sauerteig-Boden? Ein Hauch Trüffelöl oder üppig Dosenpilzbelag? Ein Preis unter 3 Euro? – befragen Sie bitte ihren Magen oder ein Foodblog Ihres Vertrauens.)

Womit wir zum großen Fazit dieser Folge kommen und dem ewigen Dilemma: Ich weiß, dass es schlecht ist, aber es ist so bequem! 

Google Maps macht uns Nutzer:innen das Leben oft leichter. Schon vom Sofa aus gucken zu können, wie es anderswo aussieht, wie man hinkommt und wann eine gute Besuchszeit ist, ist einfach grandios. Andererseits nehmen wir damit nur wahr, wie Google, ein paar schlecht gelaunte Internettrolle und die angesammelte Infomasse datenspendabler Mitbürger:innen die Stadt sehen und präsentieren. 

Das im Hinterkopf zu behalten ist nicht verkehrt und wird sogar mit überraschend leckeren Backwaren belohnt. Die kommen übrigens nun auch bei Google wieder besser weg: Zwei der oben zitierten Kommentare wurden nach meiner Anfrage bei Google in dieser Woche entfernt.


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