Größe aus Gründen

Dackel haben kurze Beine, weil jagdfreudige, hundezüchtende Menschen es sehr praktisch fanden, dass sie auf diesen bis tief in den Dachsbau kommen.

Donald Trump hat kleine Hände, damit es sich als Übersprungshandlung darüber lustig machen lässt, statt angesichts so viel komprimierter Inkompetenz vor Angst zu erstarren.

Discounter haben große Einkaufswagen, damit Kund:innen ausreichend XXL-Hotdog-Packungen aus der USA-Aktionswoche darin unterbringen können, ohne das Gefühl, es mit dem Wocheneinkauf übertrieben zu haben.

Auch wenn diese Welt im Allgemeinen und ihr aktueller Zustand im Speziellen öfter daran zweifeln lassen: Für alles gibt es Gründe, sogar für Aussehen und Dimension des Systems Stadt. Da ich nicht weiß, was ich mit meinem dazu angelesenen Wissen sonst anfangen soll, steht es nun hier.

Aber Großmutter, äh: -stadt, warum hast Du....

... so große Plätze?

Aufrecht gehen. Netflix bingen. Sich die eigenen Fußnägel schneiden. Der Mensch kann einiges, doch das Erkennen anderer Menschen auf große Entfernungen gehört nicht dazu. Wer weiter als 1000 Meter weg ist, wird je nach Beleuchtung und Bewegung gar nicht als Individuum wahrgenommen. Jenseits der 100 Meter können wir Geschlecht und Alter nicht mehr differenzieren. Um Mimik und damit Stimmung Anderer einschätzen zu können, dürfen diese nicht weiter als 25 Meter entfernt sein.

Das zu wissen, ist nicht nur praktisch, wenn man den Abstand zwischen Bühne und Rang im Theater konzipiert, sondern auch für die Anlage von Straßen und Plätzen, die als zentrale Orte in Zentralen Orten durchaus sinnvoll sind. Interessanterweise hat das zu Zeiten am besten funktioniert, als man die oben genannten Daten noch nicht hatte, dafür aber den richtigen Instinkt.

In der auf dem Reißbrett entworfenen brasilianischen Hauptstadt Brasilia kommt keine urbane Stimmung auf, weil dort alles überdimensioniert ist. Der Mensch an sich fühlt sich dort schlichtweg verloren, und wo sich ein solches Gefühl einstellt, hängt er nicht gerne ab. Dafür bevorzugt er öffentliche Räume, wo er den Überblick behält und sich statt unter gesichtslosen Strichen unter Seinesgleichen wähnt. Mittelalterliche Märkte (nicht zu verwechseln mit Mittelaltermärkten. Warum die Leute anziehen, weiß ich wahrlich nicht), durch Bauten und Gebüsch strukturierte Stadtplätze wie der Berliner Helmholtzplatz oder toskanische Piazzas belegen das.

Sie sehen das für einen als Treffpunkt funktionierenden Platz beliebte Beispiel der Piazza del Campo in Siena, Italien. So! Schön! Übersichtlich! (Foto: Gerhard Bögner via Pixabay)

... so kleine Altstädte?

Um noch kurz bei menschlichen Beschränktheiten zu verweilen: Besonders schnelle Fortbewegung haben wir auch nicht drauf – zumindest, wenn diese ohne technische Hilfsmittel erfolgen soll. Gerade mal vier bis fünf Kilometer packen wir im Schnitt pro Stunde. Was erklärt, warum Städte in ihrer frühen Jugend so kompakt gehalten waren. Auf drei Stunden Marsch in die nächste Taverne hatten unsere Vorfahren nämlich keinen Bock, zumal damals weder Asphalt noch Schuhe mit Fußbett verfügbar waren. Eckkneipen haben an der nächsten Ecke zu sein und nicht etwa in Marathon.

Erst als in Fortsetzung des Rades schöne Dinge wie Kutsche, Fahrrad, Zug und Auto erfunden waren, wurden die Ideen Erweiterung und Speckgürtel interessant. Für Arbeitspendler:innen ist nämlich nicht die Entfernung, sondern die für ihre Überbrückung erforderliche Zeit relevant. Egal ob Altes Rom und New York 2020: Mehr als 30 Minuten sollen es von Tür zu Tür im Idealfall nicht sein, hat das City Lab unlängst errechnet.

... so hohe Häuser?

Was in der Weite richtig ist, stimmt auch in der Höhe. Das kann jeder selbst beobachten, indem er sich an ein Nebeneinander von Roll- und analoger Treppe stellt und zählt, welche Variante Mehrheit Mensch bevorzugt.

Daraus ergibt sich, warum die Häuser in Vor-Fahrstuhl-Vierteln keine zehn Stockwerke zählen. Für solche Step-Exzesse sind wir einfach zu faul. Die Erfindung von Stahlbeton und Skelettbauweise als belastbare Alternativen zu Ziegel und Mörtel spielte zwar auch eine Rolle, als es für Häuser aufwärts ging. Aber ohne Elisha Graves Otis und seine formidable Erfindung der Absturzsicherung für Aufzugseile hätte das mit dem Wolkenkratzen nicht funktioniert.

...so breite Straßen?

Eines der größten Mysterien der Stadtplanung ist aus meiner Sicht, wie das Planer-Gefolge des Gurus George Eugène Haussmann, den Papa des modernen Paris, im 19. Jahrhundert ahnen konnte, dass breite Straßen und große Plätze einst als Abstellraum für persönliche Kraftwagen benötigt würden.

Zumindest eine Lösung kennt der österreichische Kaiser Franz Josef I.: Als er in Wien 1857 den Abriss der Stadtmauer zugunsten einer breiten Ringstraße beschloss, saß ihm 1848 und damit die Angst vor einer Revolution noch im Nacken. Weite Straßen eignen sich schlechter für den Bau von Barrikaden, dafür umso besser, um eine die dämlichen Demokrat:innen niedermetzelnde Armee aufmarschieren zu lassen.

Vom Absolutismus lernen heißt siegen lernen: Platz für Aufmärsche und Militärparaden hatten sozialistische Stadtplaner:innen im Sinn, als sie ihre typischen unendlichen Weiten wie an der Berliner Karl-Marx-Allee entwarfen, die damals noch nach Stalin hieß.

Die Karl-Marx-Allee bot ausreichend Platz, zum 25. Geburtstag der DDR eine hübsche Militärparade abzuhalten. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-N1007-0017, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia)

... so viele Villen im Westen?

In Städten fühlt man sich vom obskuren System Natur meist autark. Und ja, beheizte Radwege, klimatisierte Supermärkte und Regenschirme: Ich spreche von Euch. Doch wenn wir uns fragen, warum in vielen Städten der mittleren Breiten mit Industrialisierungs-Vergangenheit die Villenviertel eher im Westen, Arbeiterviertel im Osten liegen, trägt die Naturgewalt Wind die Schuld. Dieser weht, kurzer Flashback in den Erkundeunterricht Unterstufe, in dieser Region meist aus westlicher Richtung und ist daher als Westwinddrift bekannt.

Als im 19. Jahrhundert Fabrikanten (eine der wenigen Stellen, an der mir Gendern nicht angebracht erscheint) ihre Fabriken bauten, wollten sie zwar in deren Nähe, aber nicht in der Abluft wohnen. Lösung: Fabrikschornsteine im Osten errichten, von wo der Wind den Dreck meist weiter östlich, seltener nach Westen bläst. Für Leute mit weniger Kohle waren diese Viertel dann als Wohngegend immer noch gut genug.


Urbanes andernorts

Stromleitungen. Abwasserkanäle. Telefonkabel. Unter dem Asphalt liegen ganze urbane Arterienparks. Doch niemand weiß, wo genau. Ganz recht, ich wiederhole: Niemand weiß, wo genau! Wie absurd und ätzend für jede Grabung und Neuverlegung. Warum das so ist und sich nur langsam ändert, erklärt Bloomberg am Beispiel New York City. Sehr lesenswert, aber ausführlich, und daher für diese Ausgabe der einzige Lesetipp.


Zentrale Orte ist ein Newsletter über Städte und freut sich über Abonnent:innen. Erzähle also gerne weiter, wenn Dir gefällt, was Du liest. Vielen Dank!