Sag "Ja!" zum "Ja!"

Foto: Bluehouse Skis via Unsplash.

Zu den Gründen, weshalb ich keine Sorge vor der Übernahme der Weltherrschaft durch künstliche Intelligenz habe, gehört meine Erfahrung mit dem Algorithmus von Spotify. Immer wieder montags stellt mir dieser, basierend auf meinen Musikhörgewohnheiten, einen Mix der Woche zusammen. Seitdem dort vorige Woche ein Weihnachtslied und zuvor schon DJ Ötzi auftauchten, weil ich gerne an Weihnachten Weihnachtliches und sonst manches Mal Kettcar oder Niels Frevert höre, habe ich vor diesem keinerlei Respekt.

Andererseits sorgt er dafür, dass mich auf diesem Weg Bands finden, die ich nie gesucht hätte. Dazu gehört die Hammer (Achtung, dies ist eine Ortsangabe, aber nicht nur) „Kapelle Petra“, spezieller: dieser Hit.

Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe dieses Newsletters, in dem es, keine Sorge, immer noch um Städte geht. Ich mag nur einfach lange Anläufe, die den Weg von Prenzlauer Berg nach Kreuzberg über Eberswalde nehmen.

„Sag einfach Ja,

Nicht immer Nein,

Wahrscheinlich wird es gar nicht so schlimm sein.

Sag einfach Ja,

Ich bin dafür.

Mal einfach laufen lassen,

Und sehen, was passiert.“

Das möchte ich gerne laut wie, weil ich es nicht kann, schief mitsingend meinen Mitmenschen zurufen. Es ist nämlich so, dass ein nicht zu unterschätzender Teil von diesen das Bejahen eher nicht auf der Agenda hat.

Neue Wohnungen?

Neue Radwege?

Neue Spielstraßen?

Einen alten Flughafen schließen?

„Nein.“ „Nein!“ „Nein!!““ „NEIN!!!”

Ich kann nicht verleugnen, dass mich das zunehmend frustriert.

Nur ein Beispiel aus diesen Tagen, die wir später als „Weißt Du noch, damals, in der Pandemie?“ erinnern werden, in denen Städte allüberall Platz für Menschen schufen, damit soziale Distanz leichter fällt.

Brüssel verkehrsberuhigte seine komplette Innenstadt.

Das machte auch Mailand ebenso wie Vilnius.

New York sperrte ganze Straßenzüge für den Autoverkehr.

London verwandelte Magistralen zu Fahrradstraßen.

Und in Deutschland wurden in Berlin 15 Kilometer Fahrbahn zu Pop-up-Radwegen erklärt und werden seitdem als phänomenales Vorzeigeprojekt gefeiert.

Zwar gibt es in dieser Sache in diesem Land sogar Nachahmer:innen. Aber ich musste kurz mal weinen, als in unlängst in den „Tagesthemen“ sah, wie deren Umsetzung etwa in Stuttgart aussieht:

Screenshots: tagesschau.de

Attraktiver gestalten lohnt aber auch nicht. Der Öko-Spuk in der Auto-Stadt ist nämlich nur bis Oktober terminiert. Platz für Radler:innen und Fußgänger:innen zu schaffen, mag zwar ein schöner Geistesblitz sein, dem Spaßnationen wie Litauen, Italien oder Belgien anheimfallen. Aber hier? In Deutschland? „NEIN!“ Schließlich sind Straßen für Autos gedacht, so haben wir das schon immer und anders noch nie gemacht.

Außer halt vor deren Erfindung. Und genau das ist der Punkt.

Veränderungen haben unberechenbare Folgen und sind damit unheimlich, das kann ich verstehen. Beweisstück 1a: Zu Beginn des Jahres war ich noch Reisejournalistin auf gepackten Koffern, Berliner Veranstaltungs- und Gastro-Betexterin sowie große Freundin des Netzwerkens in meinem Coworking-Space. Fragt mich mal jetzt.*

(*gesendet von meinem sozial distanzierten Küchentisch)

Aber man stelle sich vor, wie das gewesen wäre, hätte damals in der Höhle jemand gesagt: „Nee, das mit dem Feuer, das ist keine gute Idee. Das lassen wir mal besser sein.“

Dampfmaschinen? „Lieber nicht.“

Rad? Buchdruck? Buttercremetorte? „Ich sagte doch: NEIN!“

Natürlich ist so ein Leben als Amöbe sicher auch sehr schön. Aber ein wenig Fortschritt darf‘s schon sein, wenn man jemals raus aus dem Ozean, rein ins Baum-/Reihenend-/Penthaus möchte – je nach Wahl. Doch dieser ist nicht möglich, wenn alles immer nur gleichbleiben darf.

Zwar freut es mich durchaus, dass offenbar viele Menschen mit der Gesamtsituation so zufrieden sind, dass sie rein gar nichts daran ändern mögen. Herzlichen Glückwunsch, das ist wirklich ganz toll! Leider nur halt ausschließlich für euch.

Um beim Verkehrs-Beispiel von oben zu bleiben: Als Autofahrer:in hätte ich natürlich auch keinen Block, weniger Raum für mich zu haben. Aber es gibt nunmal auch Fußgänger:innen und Radler:innen, und die haben ebenfalls Rechte und Interessen, und jetzt lasst uns doch einfach mal ausprobieren, wie’s läuft, wenn die hier eine Spur, dort eine Straße extra für sich bekommen. Vielleicht macht das Radeln dann sogar Auto-Fans Spaß.

Oder wenn auf der Brache gegenüber ein Wohnhaus entsteht und die dort angesiedelten Mücken verdrängt: Vielleicht ist das gar nicht der Untergang für die Nachbarschaft? Sondern die Voraussetzung, dass plötzlich der Bus öfter fährt, eine neuer Spielplatz für alle Kinder im Umkreis öffnet und der Druck auf den Mietwohnungsmarkt sink.

Oder wenn ein neuer Handymast, ein Windrad, ein Hostel geplant werden: Vielleicht geht damit gar nicht alles vor die Hunde? Sondern es sind a) der bessere Empfang doch ganz schön, b) das Abbremsen des Klimawandels durchaus nützlich und c) das internationale Publikum im Kiez unerwartet nett und rettet durch nie versiegenden Bedarf an Kaffee und Croissants die am Existenzminimum darbende Familientraditionsbäckerei nebenan.

Städte sind kompliziert wie komplex, und wer A ändert, bekommt nicht B, sondern B-einhalb, M bis U sowie X. Wobei Letzteres gleichzusetzen ist mit wahlweise neuen Arbeitsplätzen, besseren Einkaufsmöglichkeiten sowie einem Gutschein für Buttercremetorte.

Ich schweife schon wieder ab.

Was ich sagen wollte: Bitte sprechen Sie mir nach:

„Ja! Ja! Yes please in my backyard!“ Einen Versuch ist es wert.

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