Stadt versus Land: Der große Zentrale-Orte-Check

Aufgrund meiner Eingebundenheit in das biologisch nötige, soziologisch von vielen als herausfordernd empfundene Konzept namens Familie verbrachte ich unlängst einige Tage in der nord- sowie mittelwestdeutschen Provinz.

(Einschub, bevor jemand das Jugendamt einschaltet: Ich liebe Euch doch alle! Aber warum zur Hölle wohnt ihr da?!)

Nun ist es so, dass ich zu Orten mit weniger als 500.000 Einwohner:innen das gleiche Verhältnis pflege wie Mariah Carey zu Treppenstufen: I don’t do them. Und ja, ein zentraler Grund dafür ist die Tatsache, dass ich meine ersten 19 Lebensjahre in einer Kleinstadt verbrachte. Ich weiß, was ein AST ist. Mir ist das Gefühl vertraut, der einzigen akzeptablen Bar im Ort bei der Umwandlung in ein Altenheim zuzusehen. Ich kenne das Konzept Mittagspause bei Geschäften und Mittagsruhe in der Nachbarschaft sowie die dazugehörige Empörung über alle, die Letztere schon wieder, doch mit Absicht, völlig ohne Not Rasen mährend missachten.

Ich kam, ich sah, ich ging wieder. Danke, Soest mit westfälischem Dehnungs-E. Aber: Nein danke.

Doch wenn Familienmitglieder sich akute Brautkleidberatung (an dieser Stelle eine Schweigeminute für die verpasste Chance, das Braut-Outlet zu Meinersen Broutlet zu nennen) oder Gesellschaft anlässlich runder Geburtstage wünschen, mache ich natürlich und natürlich gerne Ausnahmen. Zumal, wenn mich auf solchen Reisen Ideen für Texte ereilen. In diesem Fall, als ich morgens im tiefsten Niedersachen entlang einer lichtlosen Ausfallstraße voller Pendelverkehr kilometerweit Richtung nächstem Bahnhof stapfte. (Einschub 2: Natürlich hätte man mich mit dem SUV von Garagentür zum Gleis kutschiert. Aber mein Lauf-Enthusiasmus ist ebenso ausgeprägt wie mein Bemühen, fossile Brennstoffverbrenner zu meiden.) Während ich also dem Rauschen der Autos lauschte und der Sonne hinter einer alte Kalihalde beim Aufstehen zusah, kam mir meine gute wie schlaue Freundin aus München in den Sinn, die einst bei einem idyllischen Spaziergang entlang der Isar zu mir sagte:

„Die Leute, die für Ruhe, Natur und die Kinder aufs Land ziehen, haben noch nie dort gewohnt.“

Wie sie das gemeint haben könnte? Das testen wir nun, und damit herzlich willkommen zum ersten Zentrale-Orte-Check, Folge „Stadt versus Land: Wo wohnt es sich grüner?!“

Zurück zur Natur?

Ein zentraler Faktor für die Entscheidung gegen die Stadt, aber für das Land ist der Wunsch, dort Bäume zu umarmen, Zucchini zu ziehen und den Weg zur Arbeit durch Blumenwiesen tanzend zu absolvieren. So entnehme ich es zumindest Gesprächen, die ich mit Betroffenen zum Thema führe.

Selbst mich asphaltaffine Berlinerin vermag diese Idylle anzusprechen. Doch wie oben bereits angedeutet: Der Realität entspricht sie oft nicht.

Statt über Feldwege zu radeln oder Waldboden zu flanieren, finden sich Stadtflüchtlinge gerne hinter dem Steuer ihres neu erworbenen Dritt- bis Viertwagens wieder, ohne den sie weder zur Arbeit, zum Supermarkt noch zum Strickkreis in den Nachbarort gelangen. Denn einen Bus oder einen beleuchteten Geh- bzw. Radweg gibt es neben der kurvigen Landstraße nicht.

Anstelle von Bewegung an frischer Luft erhalten sie damit Sitzfleisch und Feinstaub, wobei sich letzterer freudig mit dem penetranten Düngemittelduft ergänzt. Der erträumte Wald wurde nämlich bereits vor Jahrzehnten zugunsten einer hübschen Monokultur-Landwirtschaft flachgelegt.

Zum Glück besteht ja noch der Plan, sich rund ums frisch erworbene Eigenheim mit einem Selbstversorger-Garten ein privates Stück ökologisch korrekter Natur zu schaffen (über die Energiebilanz alleinstehender Häuser mit Pelletheizung sprechen wir nach der nächsten Maus). Für dessen Anlage und Pflege bleibt zwischen werktäglichem Pendelverkehr und wochenendlichem Waschstraßenbesuch nur leider keine Zeit.

Und jetzt ist Ruhe?

Keine Einflugschneise. Keine rund um die Uhr geöffnete Spätkauf-Bar. Kein nerviger Nachbar mit Vorliebe für Techno, Stampftanz und das Verrückten von Möbeln zu vorgerückter Uhrzeit. Das alles (und noch viel mehr) scheint sich umgehen zu lassen, sobald man die Enge der Stadt verlässt.

Apropos Umgehen: Die Straße, die ein solches für alle Autos der Nachbarschaft sowie die Lastwagen ermöglichen sollte, die das dem kommunalen Einkommensgaranten Gewerbesteuer zu verdankende Industriegebiet mit sich bringt, ist leider noch nicht fertiggestellt. Zwar ist das eigene Gartentor bis dahin direkt an die Bundesstraße angeschlossen. Der satte Sound aller Optionen von Gas bis Bremse dringt dafür aber rund um die Uhr bis ins Schlafzimmer vor.

Hinzu kommt, dass der Besitz von Eigentum in Deutschland standardmäßig ausgeliefert wird mit dem Streben nach Hochdruckreinigern, Sitzrasenmähern und Laubbläsern.

WIE BITTE?! WAS HABEN SIE GESAGT? GENAU! SO SCHÖN RUHIG HIER!

Worauf ich hinaus will, ist nun eventuell klar.

Kinder-Spiel-Platz?

Aber die Kinder! Die sollen doch nicht im dunklen Hinterhof, sondern frei an Licht und Luft herumtollend, erzogen vom ganzen Dorf gedeihen. Was prima klingt, bis man das erste Mal mit Kinderwagen und Laufrad-Schlepptau beim Rangierversuch am topmodelschmalen Gehweg scheitert. Wenn es einen solchen überhaupt gibt. Geht ja, siehe oben, keiner zu Fuß.

Ebenso Fehlanzeige: Große Spielplätze, auf denen sich nach drei alle über Drei zwecks Besetzung der Ritterburg treffen. Hat schließlich jede Familie für sich die Standard-Schaukel-Kombi aus dem Obi hinter dem Gartenzaun zu stehen.

Dafür gibt es immerhin ohne Ende freie Kita-Plätze! Ähm. Vereine? Pfff. Freiwillige Feuerwehr-Mitgliedschaften? Nö. Gottverdammt, zumindest einen Schulbus wird es doch geben, für dessen Erreichen der Wecker um was mit fünf davor klingeln muss? Na Gott sei Dank!

Und noch etwas gibt es mit Sicherheit: Den sich spätestens im Alter von 13 Jahren einstellenden und von da an unüberhörbar vorgetragenen Wunsch, dringend weg zu wollen, Richtung Stadt.

Zusammen ist man weniger allein?

Bleibt die Gemeinschaft, die stark wie fest steht gegen die Anonymität, die der Großstadt als Vorname anhängt wie Sabine das Sturmtief oder Lothar Matthäus der Rekordnationalspieler. Zumindest auf die ist Verlass, erklären Landenthusiasten, und lassen noch vor Einbruch der Dunkelheit ihre blick- und schalldichten Rolläden runter, damit sie ja niemand sieht oder kontaktiert.

Fazit

Die Münchner Freundin ist, wie gesagt, schlau. Sie weiß, wovon sie spricht.

Erwähnte ich übrigens, dass ich Städte liebe? Ich sage mal: Check! Check! Check und check!

**Warnhinweis**

Dieser Beitrag könnte Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen enthalten. Diese basieren jedoch auf real existierenden Erlebnissen der Autorin innerhalb der vergangenen sieben Tage. In Eurem persönlich gewählten ländlichen Raum ist alles ganz anders, da bin ich gewiss.

(Fotos: Juliane Wiedemeier)

Urbanes andernorts

  • Puh, Glück gehabt, ich bin nicht die Einzige, die meint, Kinder in der Stadt aufzuziehen sei eine prima Idee: “The case for raising kids in the city”, Vox.com.

  • Wenn diese Stadtbewohner:innen nicht länger ins Gewerbegebiet zu Ikea fahren möchten, muss Ikea halt in die Stadt kommen. Berlin Pankow soll daher im Sommer mit einer Mini-Filiale inklusive Einbauküchenplanungsstation beglückt werden (Tagesspiegel).

  • Irgendwie auch süß, wie neidisch man aus den USA auf die Verkehrswende in Europa guckt (Curbed).


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