Teilst du noch oder isolierst du dich schon? Sharing Economy in der Pandemie

Wenn mein Vater den Ladestand der Batterie seines Autos prüfen möchte, dann geht er in seinem Haus in seinen Keller und holt sein Autobatterieladestandsmessgerät. Das liegt irgendwo zwischen seinem Hochdruckreiniger, seiner elektrischen Heckenschere, seinem Rasenkantenschneider und seiner Heißklebepistole. Unlängst war es soweit; sein Auto hatte dank Pandemie zu lange unbewegt in seiner Garage verbracht. 

„Papa, wann hast du dieses Gerät zuletzt gebraucht?“ – „Vermutlich vor 25 Jahren, als ich es gekauft habe.“

Aber gut, dass er sein eigenes und dieses stets zur Hand hat.

Ich habe kein Auto, kein Haus und keinen Keller, der diesen Namen verdient und mehr ist als ein rattenbewohntes Vorkompostiergebiet (Berliner Altbauten: nicht überall schön). Als Mitglied der Gruppe „Wir sind die erste Generation, der es schlechter geht als unseren Eltern“-Millennials bleibt mir nichts anderes übrig (hey, dafür gibt es bei mir mittags Avocado-Toast). Aber auch aus ökologischen Gründen ist Nicht-Besitz erstrebenswert. Städter:innen teilen sich daher seit Jahren alles vom Coworking-Büro über das Carsharing-Auto bis hin zum urbanen Gemeinschaftsgarten. Hippies nennen das kommunale Lebensform; Hipster mit Zugang zu Business Angels erfanden den Begriff Sharing Economy. Eine in diesem Zusammenhang gern zitierte Studie der Berater von PricewaterhouseCoopers aus dem Jahr 2015 prophezeite dieser für 2025 weltweite Umsätze von 335 Milliarden Dollar. 2013 waren es 15 Milliarden. 

Doch dann kam der März 2020 und eine Pandemie über die westliche Welt. 

Im April kündigte ich meinen Platz in einem der symathischsten Coworking-Büros der Stadt, weil gemeinsames Atmen in einem großen Raum nicht länger angebracht erschien. Im Juli mietete ich erstmals seit Jahrzehnten ein Auto, weil ich mich nicht in die damals mit einer Art Maskenbitte verkehrende Deutsche Bahn traute. Und als ich im September dank eines freundlichen Fahrraddiebes spontan Bedarf nach einem Leihrad verspürte, desinfizierte ich alles. Mehrfach. Vor und nach der Fahrt. 

Demnach ist es eine berechtigte Frage: Wie geht es der Sharing Economy im Jahr zwei der Pandemie? Die Antwort wird sicher bald irgendwo Dissertationsausmaße annehmen. An dieser Stelle sei der Fokus daher auf die drei Bereiche Verkehrsmittel-, Arbeitsplatz- und Wohnort-Sharing begrenzt. Von Tier über Call a Bike bis Swapfiets, von den Design Offices bis nebenan.de erzählen, wie es ihnen geht.


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Geteiltes Rumfahren

Umgekippte E-Roller auf zombieapokalyshaften Straßen. Leere Busse, die zwischen viel zu vielen mit viel zu wenigen Menschen besetzten Privatwagen im Stau stehen. Kein Flixbus weit und breit. Dafür überall Hollandräder mit einem knallblauen Vorderreifen. 

Wenn ich irgendwann den großen Corona-Roman „Virusalarm! Pandemie am Prenzlauer Berg“ (Arbeitstitel) schreiben werde, weiß ich schon, wie mein szenischer Einstieg auszusehen hat. Ob und wie wir uns durch die Stadt bewegen, hat sich in den vergangenen Monaten verändert – im ersten Lockdown zunächst abrupt und krass, doch auch mittelfristig sind wir anders unterwegs als zu den legendären Zeiten, von denen die Großelterngeneration munkelt, diesem „Normal“. 

Als der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) Anfang dieses Jahres die Deutschen befragte, gaben 9 von 10 an, Verkehrsmittel mit vielen Fahrgästen zu meiden. Über die Hälfte fährt aktuell seltener mit Bus und Bahn, und auch auch bei Carsharing (-40 Prozent) und Leihrädern (-30 Prozent) brach die Nachfrage ein. Andererseits haben gerade junge Menschen die Gelegenheit genutzt, genau diese Sharing-Angebote auszutesten – was aber auch an deren speziellem Interesse fürs Ressourcenschonen und Klimaretten liegen kann. 

Der Bundesverband Carsharing meldet derweil in seiner Statistik für 2020 einen Kund:innenzuwachs um 25 Prozent, obwohl in dieser Zeit kaum neue Anbieter, Stationen oder Fahrzeuge hinzu kamen. Besonders beliebt war das Modell der frei verfügbar in der Gegend herumstehenden Autos, bei denen sich jeder mit App spontan bedienen kann:

„Da free-floating CarSharing vor allem in den Innenstädten der großen Metropolen angeboten wird, liegt die Vermutung nahe, dass dies dynamische Wachstum auch mit dem vorübergehenden Umstieg von Fahrgästen des ÖPNV auf das CarSharing zu tun hat. Hier erweist sich das CarSharing als Pandemie-sichere Ergänzung zum ÖPNV.“

Wenn ich an dieser Stelle kurz glaskugeln darf: Wir beobachten hier keinen nachhaltigen Beitrag zur Verkehrswende, sondern ein virusbedingtes Umsteuern aus Aerosol-Angst. Selbst wenn andere vor mir ihre Hände auf dieses Lenkrad legten, erscheint das immer noch sicherer als 30 Minuten Ringbahnfahrt mit Husterei, Telefonier-Geschrei und Gesang. (Ganz recht, Bettelbands teilen die Angst vor der S-Bahn aktuell nicht, wurde mir berichtet. Ich selbst gehe ja auf den Spuren meiner pleistozänen Vorfahren und damit nur noch zu Fuß.)

Diese Tendenz bestätigt auch Florian Anders, Pressesprecher der E-Roller- sowie E-Moped-Vermieter von Tier. Mit Auftritt Corona sei die Lage zwar zunächst sehr mau gewesen. 

„Im Sommer und Herbst 2020 verzeichneten wir dann wieder eine sehr hohe Nachfrage und sehr viele Menschen haben in dieser Zeit ihre Mobilität neu organisiert und E-Scooter für sich entdeckt. In der aktuellen Situation bieten diese eine sichere Möglichkeit, um mit dem nötigen Abstand und an der frischen Luft von A nach B zu kommen. Zusätzlich konnten wir beobachten, dass unsere E-Scooter im Durchschnitt für weitere Strecken genutzt wurden. Ein Indiz für eine verstärkte Nutzung für die gesamte Wegstrecke anstatt in Kombination mit anderen Verkehrsmitteln.“

Prä Pandemie hatte ich den Eindruck, dass sich für E-Roller vorrangig die junge Start-up-Posse, Tourist:innen und die Verabschiedungsgruppen von Heiratswilligen interessieren – also viele, bei denen das Rumkommen Freizeitspaß, aber nicht dringende Notwendigkeit ist. Das scheint sich geändert zu haben, und das Unternehmen hat laut Anders entsprechend reagiert. Nun gibt es Vierfahrerangebote, Tagespässe und Monatspakete für alle, die regelmäßig mit dem Roller pendeln und darüber nicht verarmen mögen. Zudem wird desinfiziert, desinfiziert und desinfiziert. 

Wenn man Anders fragt, ob und wie die Pandemie Tier langfristig verändern wird, erzählt er von E-Mobilität als Beitrag zur Verkehrswende, neuen Ladestationen und besserer Vernetzung mit anderen Mobilitäts-Anbietern aus der Sharing Economy. Die Gedanken sind offensichtlich schon bei der nächsten Krise, die auf den Vornamen Klima hört. 

Ganz ähnlich läuft das bei Call a Bike, dem Leihrad-Anbieter der Deutschen Bahn. Meine Fragen zu Corona beantwortet die Pressestelle mit dem pauschalen Hinweis, dass die Nachfrage zurückgegangen sei; aus Wettbewerbsgründen sagt man nicht mehr. Stattdessen schwärmen die restlichen 4.000 Zeichen der Antwort von dem großartigen Beitrag der Räder in Ergänzung zu Bus und Bahn zum Klimaschutz.

Zum Glück sind andere auskunftsfreudiger, etwa die niederländischen Fahrradverleiher von Swapfiets, die mittlerweile auch von Aachen bis Wolfsburg aktiv sind. Anders als bei Call a Bike mietet man deren Räder nicht spontan am Bürgersteig, sondern monatsweise. Das robuste Hollandrad ohne Gangschaltung gibt es für 17, das E-Bike für 75 Euro. Reparatur oder Ersatz, wenn was kaputt geht oder geklaut wird, ist dabei inkludiert. 

Seit März vergangenen Jahres ging die Nachfrage nach Rädern stets nach oben – zumindest, wenn nicht gerade härtester Winter ist. Dann trauen sich nur diejenigen unter den Deutschen aufs Rad, die auf Warnwesten und Funktionskleidung stehen. Philipp von Puttkamer, Regionalmanager von Swapfiets in Ostdeutschland sagt: 

„Eine interne Befragung von Swapfiets Neukunden ergab, dass 35 Prozent der Befragten öffentliche Verkehrsmittel aufgrund von Gesundheitsrisiken zunächst meiden wollen. Daher profitierte die Fahrrad- und Mobilitätsbranche von der gesteigerten Nachfrage.“

Früher hätte man sich in einer solchen Situation selbst ein Rad gekauft. Doch die Fahrradläden kommen mit der Lieferung schon lange nicht mehr hinterher, und selbst auf einen Reparaturtermin wartet man wochenlang. Das hat Swapfiets genutzt. 

An seinem Konzept musste das Unternehmen dafür nicht viel schrauben. Bevor ein Rad neu rausgeht, wird heute nochmal desinfiziert und bei den Übergaben und Reparaturen der Abstand gewahrt. Aber die Idee, Räder für einen überschaubaren Zeitraum zu vergeben und den Mieter:innen die üblichen Sorgen – Platten, Diebstahl, Kettenriss: Fahrt zur Hölle! – abzunehmen, passt schlichtweg genau in die Zeit. Zumal diese nicht nur durch diese elende Seuche geprägt ist. Philipp von Puttkamer:

„Die Nachfrage nach unseren Power 7 e-Bikes ist enorm, und wir erwarten, dass in diesem Jahr mehr e-Bikes auf deutschen Straßen zu sehen sein werden als je zuvor. Das hat nicht nur mit der Pandemie zu tun. Vielmehr hat diese den Anstoß gegeben, und immer mehr Menschen erkennen das Fahrrad als echte Alternative zum Autoverkehr in der Stadt.“

Sauerteigbrot, regelmäßige Zoom-Treffen mit Freunden aus Übersee und Zeit fürs Lustwandeln beweisen: Nicht alles, was Corona uns nahegebracht hat, ist schlecht. Manches darf durchaus langfristig bleiben. 

Geteiltes Arbeiten

Ein Platz direkt unterm Dachfenster im Obergeschoss einer alten Feuerwache. Business-Tipps in Form von niederländischen Sprichwörtern („Ein Nein hast du, ein Ja kannst du bekommen“). Polnischer Schnaps zu exklusiven Backstage-Berichten von Matthias-Reim-Video-Drehs in der Gemeinschaftsküche. Wenn man mich wehmütig machen möchte, dann fragt man mich, ob mir mein Coworking-Büro fehlt. 

Wir Kommunikationsbranchenaffen stehen auf Vernetzung, und seit dem Eintritt der sozialen Isolation in unser Leben wissen wir: Das geht der gesamten Menschheit so. Die einen brauchen sie, um rasch den nächsten Auftrag, die gerade benötigte Programmiererin, einen Designer an der Hand zu haben. Andere haben zu Hause keinen Platz für einen Schreibtisch oder arbeiten einfach nicht gern allein. Gründe gibt es genug, sich mit netten Anderen ein Büro zu teilen. Leider gehören die Erkenntnisse von Virologie und Aerosolforschung dieser Tage nicht dazu. 

Entsprechend brachte die Pandemie für die Anbieter gemeinschaftlich genutzter Arbeitsräume im vergangenen Frühjahr eine Kündigungswelle mit sich. Besonders die Nachfrage nach flexiblen Plätzen, auf denen man sich spontan im Großraumbüro niederlässt, sei zurückgegangen, erklärt Yasmina Suleiman von Unicorn Workspaces mit deutschlandweit 21 Großbüros, davon alleine 13 in Berlin. Doch davon hat sich das Unternehmen nicht einschüchtern lassen und zwei andere Trends für sich entdeckt. Suleiman: 

„Viele Unternehmen wollen das Arbeiten aus dem Homeoffice auch nach der Pandemie beibehalten. Dabei hat sich jedoch auch gezeigt, dass dieses nicht für jede:n eine ideale Lösung ist und wir Büroräumlichkeiten als Orte des physischen Austauschs und menschlicher Begegnungen weiterhin brauchen – und diese vielleicht mehr wertschätzen denn je. Zum anderen befinden wir uns weiterhin in einer instabilen wirtschaftlichen Situationen, in denen es Unternehmen wichtiger denn je ist, flexibel zu bleiben.“

Manche brauchen spontan mehr Platz, um Mitarbeiter:innen besser zu verteilen. Andere müssen Schreibtische reduzieren, um Kosten einzusparen. Hinzu kommt die große Frage, ob überhaupt noch jemand die Mieten an protzigen Adressen mit Blick auf eine zentrale Sehenswürdigkeit bezahlen möchte, wenn der Breitbandausbau gut ist und Arbeitnehmer:innen den Platz auch kostenlos bei sich zu Hause zur Verfügung stellen. 

Entsprechend hat Unicorn sein Angebot angepasst. Heute können Unternehmen kurzfristig und mit kurzer Vertragslaufzeit Räume anmieten und als Berliner Kund:in auch mal einen Platz in München nutzen, wenn sich dadurch eine Reise quer durch die Republik sparen lässt. Statt auf große, offene Flächen wird auf Büros mit möglichst luftiger Besetzung gesetzt. In gemeinsam genutzten Bereichen gilt eine Maskenpflicht, und seit November können sich alle einmal in der Woche auf Kosten des Hauses auf Corona testen lassen. Zudem wird auch hier frenetisch desinfiziert.

So kann man im Rahmen des Möglichen auch dieser Tage halbwegs sicher arbeiten. Doch eine Kernidee des Coworkings bleibt dabei auf der Strecke. Denn Abstand wahren und Netzwerken passen einfach nicht zusammen. 

Wie alles außer der Wurst wird jedoch auch die Pandemie ihr Ende finden, und Suleiman glaubt, dass die Lehren daraus Unicorn nutzen:

„Durch die Pandemie konnten Unternehmen und Arbeitnehmer:innen einen neuen Blick auf das Konzept des Arbeitsplatzes gewinnen und evaluieren, was ihnen wirklich wichtig ist. Das sind vor allem flexible Konditionen, aber auch die Feststellung, dass wir ins Büro kommen, um uns auszutauschen, inspiriert zu werden und kreativ zu arbeiten. Eine solche Arbeitsumgebung können Coworking-Angebote und Workspaces viel besser abbilden als das Homeoffice oder das triste Cubicle. 

Wir glauben an eine Rückkehr ins Büro, nur ins 08/15-Büro will nach der Pandemie bestimmt niemand mehr zurück.“

We’ll meet again, we’ll share again! Allerdings werden darüber in der schönen, neuen, durchflexibilisierten Arbeitswelt angekommene Firmen mit festen Mitarbeiter:innen zur Kernzielgruppe und nicht mehr individuelle Freischaffende, die nicht allein hinter ihrem Macbook zu versauern trachten. 

So zeigt es sich auch in den Design Offices, mit 40 Standorten in 15 deutschen Städten einer der größten Anbieter am hiesigen Markt. Alisa Augustin, dort Redakteurin für Content und PR, sagt:

„Für viele Unternehmen wurde ein Coworking Space ein festes weiteres Angebot für ihre Mitarbeiter. Wir sind uns sicher: Coworking profitiert von der Krise, statt darunter zu leiden.“

Sie kann sich gut vorstellen, dass große, gemischte Büros in Zukunft auch jenseits von Berlin und Hamburg an Reiz gewinnen, wenn jeder für seine:n Arbeitgeber:in von zu Hause, aber eben nicht aus der eigenen Wohnung heraus schafft. Design Offices gibt es daher mittlerweile auch in Heidelberg, Erlangen oder Bonn.

„Spannend werden dezentrale Coworking Spaces, um eine annehmbare Alternative zum Homeoffice zu schaffen: eine professionelle Arbeitsumgebung außerhalb der eigenen vier Wänden, und das mit wenig Aufwand für den Arbeitsweg. Unser flächendeckendes, regionales Netzwerk geht auf diese Entwicklung sehr gut ein und ist ideal für die gerade neu entstehenden Kombinationen aus Homeoffice, regionalem Arbeiten und neu zu erfindenden, kleineren Firmenzentralen.“

Aktuell setzen die Design Offices wie Unicorn auf Flexibilität, Abstand, Masken und Desinfektionsspray. Doch die Zukunft post Pandemie wird, so hofft man, golden sein.

Geteiltes Wohnen

Stell dir vor, du wohnst in einer WG, in der nicht du dich mit Ikea, sondern ein:e Innenarchtitekt:in sich mit Design-Klassikern ausgetobt hat. Bad und Küche werden regelmäßig professionell geputzt, immer dienstags wird mit den anderen gegessen, regelmäßig gibt es Achtsamkeits-Kurse, Spieleabende und Ausflüge, und das Coworking-Büro ist gleich nebenan. 

Genau das ist die Idee des Colivings, das das private Zimmer mit gemeinschaftlich genutzten Flächen und diversen Annehmlichkeiten kombiniert, die Erstsemester nicht unbedingt ihr Eigen nennen. Happy Pigeons gehört zu den familiäreren Anbietern auf diesem Markt; ab und an laufe ich an deren Gemeinschaftsräumen in Prenzlauer Berg vorbei. Dort sind elf gut 20 Quadratmeter große Zimmer, möbliert und unmöbliert, für etwa 600 Euro monatlich im Angebot. Ein weiterer Standort ist in Charlottenburg. Perfekt für alle, die einen Kurzzeit-Job haben, mal eben als urbane Normaden in Berlin testwohnen wollen oder denen generell der Sinn nach Gemeinschaft steht. Mindestens drei Monate muss man bleiben. Die gute Nachricht für alle, die den Udo Lindenberg machen wollen: Ein Enddatum wird nicht gesetzt. 

„Die Nachfrage ist bei uns im März letzten Jahres, also zum Anfang der Pandemie, stark eingebrochen, hat sich zum Sommer normalisiert und ist ab November wieder ein wenig eingeknickt“,

sagt Mit-Gründer Kai Drwecki. Normalerweise landen etwa zehn Bewerbungen pro Woche in seinem Posteingang. In der größten Pandemie-Panik waren es nur noch zwei. Leerstand habe es keinen gegeben. 

Dennoch hat Corona auch bei Happy Pigeons Spuren hinterlassen. Rituale wie das freitägliche After-Work-Treffen, Geburtstagsfeste oder Chorproben mit Leuten aus der Nachbarschaft laufen nur noch in kleinen Gruppen oder gleich digital. Gemeinsamer Sport wird nun draußen betrieben; zudem sind überall Trennwände und Masken aufgetaucht.

„Laut einer Mieterin haben die Lockdowns zu engeren Bindungen zwischen einigen Bewohnern geführt, da der soziale Kontakt über unser Projekt hinaus nur begrenzt möglich ist“, meint Drwecki. Doch unterm Strich litten die sozialen Aspekte. „Ein integraler Bestanteil unseres Projektes ist weggefallen.“

Sobald es wieder geht, werden die Mittagessen in großer Runde, Yoga-Kurse und Trips ins Umland also wieder hochgefahren. Bis dahin versuchen Happy Pigeons, ihren Bewohner:innen das Leben im Lockdown möglichst angenehm zu machen und bieten Spielekonsolen, Beamer oder Hanteln zum Ausleihen an. Sie honorieren die Bemühungen, indem sich die Mietdauer verlängert habe, erzählt Drwecki. 

Und wie geht es weiter?

„Im Moment sind kleinere Coliving-Projekte, die Langzeitmieten anbieten und eine funktionierende Gemeinschaft haben, meiner Meinung nach im Vorteil, da wir durch die Pandemie weniger reisen und uns nach beständigen sozialen Kontakten sehnen. Einige Anbieter haben daher zumindest vorübergehen auf längerfristige Mieten umgestellt. Ob sich diese Entwicklung nach der Pandemie so fortsetzt, was meiner Meinung nach wünschenswert wär, ist schwer vorherzusagen.“

Diesen Wunsch nach Vernetzung, wenn schon nicht mit der Welt, dann wenigstens vor Ort, hat auch nebenan.de bemerkt. Zu Hochzeiten der ersten Welle im Frühjahr 2020 haben sich fünfmal mehr Leute als normal auf der Plattform registriert. Jemand braucht einen Hammer? Verspürt den Wunsch, Klavier zu lernen? Möchte mit der Nachbarschaft grillen? Das alles lässt sich über das Portal koordinieren. Wenn die Familie gefühlt jenseits des Andromedanebels lebt, aber die Quarantäne des Gesundheitsamtes das Einkaufen verbietet, besinnt man sich plötzlich der Meute, die sonst im Treppenhaus nur sporadisch zu grüßen ist. 

Mittlerweile hat sich die große Anmeldeflut abgeschwächt, aber weiterhin kommen neue Leute dazu. Von der Welt abgeschnitten, sind die Nachbarschaften im Lockdown enger zusammengerückt. 

Wo Luft geteilt wird, macht die Pandemie Probleme. Doch den Wunsch nach Gemeinschaft hat sie nicht dahingerafft, eher umgekehrt. Manche Sharing-Konzepte wie das Coliving versuchen, improvisierend bis zur Morgenröte zu überbrücken. Das Coworking und Verkehrsmittel-Teilen entdeckt derweil neue Zielgruppen. Anbietern wie Swapfiets hat Corona sogar in die Hände gespielt. 

Die Welt nach dem Virus wird eine andere sein. Die Idee des Teilens hat es ordentlich gerupft, doch nach der Asche sieht so ein Phoenix ja angeblich wesentlich besser aus.


Urbanes andernorts

  • Wenn eine Stadt wie New York in den Lockdown geht, dann trifft sie das mitten ins Herz. Das einstündige Feature des Deutschlandfunks „Fear of Losing New York - Auf der Suche nach einer verschwundenen Stadt“ zeigt, wie das aktuelle Zauberwort der Resilienz in der Praxis aussieht.

  • Im Klimanotstand-Ausrufen sind deutsche Städte super, im Klimaschutz hingegen nicht so sehr. Der Podcast SWR2 Wissen hat nachgefragt, woran das liegt.