Urbaner Unbill, unfair verteilt

Zu den diversen Dingen, die seit November in meinem Berliner Auslaufgebiet nicht mehr möglich sind, gehört das Streicheln von Flugzeugbäuchen. Im Gegensatz zu anderen aus der Erreichbarkeit gerutschten Aktivitäten ist das ausnahmsweise: sehr schön.

Ausgerechnet in dem Jahr, in dem vieles verharrt und wenig geht, hat in Berlin ein neuer Flughafen eröffnet. Humor hat er halt, unser BER, und Tegel nun wirklich dicht gemacht. Wenn noch Sommer wäre, hätte ich das sogar gemerkt. Alle eineinhalb Minuten die Fernsehlautstärke zu regulieren, ist keine Raketentechnik, aber nervt. Im Winter waren Doppelfenster schon immer eine ziemlich verlässliche Lärmschutzwand. Doch mein Heim als einflugsschneisengeplagtes zu definieren, wäre jammerlappig im Vergleich zu dem, was Menschen in Reinickendorf erdulden mussten. Dort verdunkelte sich mit jedem Flieger der Himmel über der Alle-Marken-Autowerkstatt, und Ali und Herbert in Apo’s Theke (I shit you not) mussten sich von Futschi zu Futschi deutlich lauter anbrüllen.

Es gibt Themen, über die niemand gerne spricht. Zu diesen zählt neben Nagelpilz, Schufa-Einträgen und dem nächsten CDU-Vorsitzenden die Tatsache, dass Städte ihre lästigen Nebeneffekte gerne an Arme abschieben. Mülldeponien, Kraftwerke und Großflughäfen siedeln selten direkt neben Villenkolonien. Einst schrieb ich über ein umstrittenes Neubauviertel in Bahnkreuz-Nähe, das sich einen Lärmschutzriegel aus Sozialwohnungen gönnte, um den teuren Eigentums-Rest des Quartiers vom Zuglärm abzuschirmen. Dieses Prinzip ist seit Anbeginn in den Städtebau mit eingewebt. 

Wer sich fragt, warum in Mitteleuropa die alten Arbeiterquartiere meist im Osten, die Hochherrschaftsresidenzen im Westen einer Stadt liegen, halte kurz die Nase in den Wind. In unseren Breiten kommt dieser meist – Hallo Westwinddrift! – aus westlicher Richtung. Der Rauch aus Schornsteinen wird daher Richtung Osten geweht, weshalb sich die während der Industrialisierung gewachsenen Städte entsprechend sortierten. Nicht so schlimm, wenn die Fabrikschufter:innen ihre weiße Wäsche nicht im Hof trocknen konnten, solange das Frühstück auf der Sonnenterrasse mit Wannseeblick klar ging.

Auch wenn wir uns einbilden, dass sich seit dem Raubtierkapitalismus jener Jahre vieles gebessert hat. Manches, siehe oben, nicht so sehr. Immerhin gibt es mittlerweile ein gewisses Problembewusstsein für die Lage, das wir aus den 1980er Jahren und den USA geerbt haben. Dort haben sich zuerst Sozial-, Gesundheits- und Umweltpolitik zusammengetan und für mehr „environmental justice“ plädiert. Als Umweltgerechtigkeit hat das Thema mittlerweile auch unsere Kreistagssitzungen erreicht. 

Nun ist es so, dass Städte nicht funktionieren, wenn nicht irgendwo der Wertstoffhof, der Hauptbahnhof und die Magistrale ihren Platz finden. Doch damit verbundene Lasten, von Lärm-Stress bis zu Abgas-Atemwegsbeschwerden, gilt es besser zu verteilen. Bislang lässt sich nämlich über Miet- und Kaufpreishöhen entspannt von derartigem Unbill freikaufen. Gerecht ist das nicht. 

Was tun? Im vergangenen Jahr hat das Deutsche Institut für Urbanistik zur Beantwortung dieser Frage eine Toolbox Umweltgerechtigkeit veröffentlicht. Wer in seiner Freizeit gerne das Kleingedruckte der Einkommenssteuererklärung liest, wird an der Lektüre viel Freude haben. Meine Übersetzung lautet: Als städtische Behörde sollte man das Thema in allen Bereichen auf dem Zettel haben. 

Das Geld für einen neuen Park einfach mal in die Betonhölle Sozialwohnungskiez investieren. 

Der alten Stadtautobahn einen Lärmschutzdeckel verpassen. 

Die Wendendeschleife für die Tram nicht zwangsläufig dort errichten, wo die Nachbarschaft die wenigsten Mittel, Zeit und Erfahrungen mitbringt, um dagegen ein Bürgerbegehren zu organisieren.

Das oben angesprochene Problembewusstsein gilt es also erstmal weiterzuverbreiten, bis in den letzten Ast von Verwaltung und Bürokratie.

„Als Leitbild zielt Umweltgerechtigkeit auf die Vermeidung und den Abbau der sozialräumlichen Konzentration gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen sowie die Gewährleistung eines sozialräumlich gerechten Zugangs zu Umweltressourcen“,

formuliert es die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz zielgruppengerecht. Im Rennen um Die Goldene Lichtzeichenanlage als Preis für das schönste Beamtendeutsch liegt sie mit dieser Formulierung definitiv vorn. 

Wie viele Städte bemüht sich Berlin also, Parks, Lärm- und Luftbelastung in Zukunft fairer zu verteilen. Dazu gehört auch, genauer hinzuschauen, welche Faktoren im dicht Besiedelten nicht nur nerven, sondern sogar krank machen. Umweltgerechtigkeit heißt, als Sozialstaat beim Rumbasteln an Verkehrs- und Klimakrisenwende auch diejenigen mitzudenken, die im Zweifel nicht so laut für ihre Rechte schreien (können). Oder, um aus dem Berliner Basisbericht zur Umweltgerechtigkeit von 2019 zu zitieren: 

„Durch den integrativen und gesundheitsorientierten Quartiersentwicklungsansatz entstehen Synergien zwischen Belangen der sozialen und ökologischen Gerechtigkeit.“

Andererseits sind die großen Häuser an den breiten Straßen, die Einflugschneisen und Wohnungen mit Blick auf den Gewerbehof in Städten mit steigenden Mieten ein letztes Günstig-Wohn-Refugium. Womit wir wieder in Reinickendorf wären. 

Im zwischen Senf-Fabrik und Rudis Resterampe semizentral gelegenen Nachkriegsbauunfall ist Wohnen noch möglich für alle, die als Einkommen, wenn überhaupt, gerade mal Mindestlohn haben. Doch Grün und S-Bahnanschluss sind vorhanden, und nachdem der das Viertel benachbarnde Wedding tatsächlich gekommen ist, stellt sich nun die Frage: Wann kommt Reinickendorf?

Tegel ist zu, und alle wollen wissen, was mit dem alten Flughafengelände geschieht. Gerecht wäre, sich auch dafür zu interessieren: Was passiert eigentlich drum herum?


Urbanes andernorts

  • Klimakiller Beton! Ganz recht, das Zeug ist eine CO2-Schleuder. Höchste Zeit, sich über alternative Baustoffe Gedanken zu machen. Die RBB-Doku “Eine Welt ohne Beton” zeigt, was geht. (Danke an Caroline für den Tipp!)

  • Die U-Bahn von Tokyo wird von Psychologen mitgestaltet – um die Menschenmassen dort möglichst effektiv durchzuleiten (CityLab).

  • Der Berliner Mietendeckel, der Wohnungen bezahlbar halten soll, galt bislang nur für neue und gilt seit dieser Woche auch für alte Mietverträge. Zeit Online schaut, wie das System funktionert (Spoiler: mittelprächtig).


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