Vorsicht mit Aussicht auf Heiterkeit

Vom konkreten Verlauf des Alltags freier Autor:innen in der Großstadt haben nicht nur festangestellte Verwandte in Besitz von Schäferhundleinen und Rentenbezügen aus meiner Betroffenensicht kuriose Vorstellungen. Denn:

>> Nein, Journalist:innen haben kein eigenes Internet, in dem mehr drin steht als im Internet für jeden sonst.

>> Ja, für die Arbeit verlasse ich tatsächlich sowohl den Schlafanzug als auch das Haus.

>> Nein, nur weil ein Reiseführer Reiseführer heißt, bedeutet das nicht, dass ich dafür vier Monate lang mit dick gefülltem Spesenkonto reisen kann. Aber ja, alle mit der Recherche verbundenen Kosten zahle ich selbst.

Dafür hat, um an dieser Stelle ein wenig Licht ins Dunkle des Maschinenraums auch dieses Newsletters zu bringen, ein kleines Wort eine gehörige Bedeutung:

Eigentlich.

>> Eigentlich hatte mir die Pressestelle für heute eine Antwort versprochen, doch die kommt, wenn überhaupt, frühestens Übermorgen.

>> Eigentlich wollte ich endlich den Text über Nashorndressur finalisieren, doch bei aller Liebe zum Schreiben: Heute klappt es nicht.

>> Und eigentlich wollte ich längst eine neue Ausgabe dieses Newsletters zu einem Thema verschickt haben, das sich mit Reisen und Stadterkundungen und dem Zusammenkommen vieler Menschen an zentralen Orten beschäftigt. Doch angesichts aktueller Anlässe passt das einfach nicht.

Wie sehr das Coronavirus unseren Alltag derzeit im Griff hat, hängt stark von Alter, Wohnort und dem Zugang zu Tagesfreizeit und damit Maß und Quellen ab, in dem und aus denen sich jede:r informiert.

Ich beispielsweise saß am Dienstagabend noch mittelmäßig belesen mit Freundinnen in einer Pizzeria, lachte über die begrenzte Verfügbarkeit von Klopapier in Berlin und freute mich auf eine Recherchetour nach Prag. Meine schriftlich vorgetragenen Monologe über Städte an dieser Stelle erfordern schließlich Erlebnisnachschub, und zwar stetig.

Den Mittwochvormittag verbrachte ich im Internet mit dem Erkenntnisgewinn: Morgen nach Prag fahren, das geht einfach nicht. Alle öffentlichen Einrichtungen dort hatten da schon ihre Schließung beschlossen, und auch mir wurde langsam klar, dass dieses Virus von uns allen Einsatz und Besonnenheit verlangt.

24 Stunden später waren die Grenzen nach Tschechien dicht, und ich hatte den Vorteil meiner vor kurzem wiederentflammten Liebe zu Porridge und der damit verbundenen, bereits vorhandenen Haferflockenvorräte erkannt.

Eigentlich sollte also manches anders laufen. Doch dann kam, wie so oft, Unverhofft, und ich musste nicht nur an Tante Mila denken, sondern auch ein wenig darüber nach, was Städte für uns ausmachen, und wie das gerade so gar nicht funktioniert. Schließlich leben wir in selbigen, um gemeinsam mit anderen in Restaurants zu sitzen, Konzerte zu besuchen, Bibliotheken zu nutzten, im Park abzuhängen, Museen zu frequentieren sowie von nur ab einer kritischen Masse angebotenen Dingen wie alle drei Minuten fahrenden Bussen, Spezialgeschäften für Feldhockeybedarf oder Universitäten mit Studiengängen wie Katholische Religion oder Kopfstand zu profitieren.

In anderen Worten: Dieser Stadt-Newsletter enthält in seinem Namen nicht ohne Grund den Begriff „Zentral“ (und ich bin sehr dankbar für meine Zeit als Lokaljournalistin, der ich mein großes Repertoire an Verben verdanke, die alle synonym zu „in… gehen“ funktionieren).

Der Mensch ist also, erste Erkenntnis, ein krass soziales Wesen. Was sich in sozialdistanzierten Tagen wie diesen allerdings sehr gut anderweitig kanalisieren lässt.

Zwei Beispiele dafür finden sich bei Twitter und damit an einem Ort, der dank Donald Trump sonst nicht unbedingt mit sozialem Verhalten verbunden wird.

#FlattenTheCurve ist der eine Hashtag, unter dem sich Menschen gegenseitig motivieren, auf Freizeitvergnügen in Gesellschaft zu verzichten, um die Zahl der Neuinfektionen auch, aber nicht nur im eigenen Interesse zu reduzieren. Für Krückstockfreie, die ihre Mahlzeiten noch mit den im Lieferumfang enthaltenen Gebissen Eins bis Zwei bewältigen, mag Corona nicht so gefährlich sein. Aber übertragen können sie es auch.

Die Kurve, die es im Sinne der Allgemeinheit in die Länge zu ziehen gilt, habt Ihr alle zur Genüge gesehen, oder?

Der zweite Hashtag heißt #NachbarschaftsChallenge, stammt aus Wien und ruft jüngere Nachbarn dazu auf, älteren und schwächeren ihre Hilfe etwa beim Einkaufen anzubieten, damit diese Rausgehpflichten und Ansteckungsgefahren gleichermaßen reduzieren können.

Wir schließen die Grenzen. Wir igeln uns zu Hause ein. Wir bleiben für uns. Und das aus Solidarität und in dem Bewusstsein, wie verbunden wir in unseren Städten, Europa, der Welt mittlerweile sind.

Ich weiß, Pathos stinkt, aber ich finde das wirklich schön.

Im Gegensatz dazu erschreckend war Erkenntnis zwei: Wie viele Aktivitäten in der Stadt mit Konsum verbunden sind, von Bier-Bar-Besuchen über katalonische Kochkurse bis zum Yoga-Kurs für mehr Zen. Meine innere Rosa Luxemburg hätte sich darob gerne mit der Hand vor die Stirn geschlagen, hätte sie sich das Ins-Gesicht-Fassen nicht längst abgewöhnt.

Tendenziell bin ich entgegen besseren Wissens ein positiver Mensch. Daher glaube ich zwar, dass wir alle in den kommenden Wochen unsere Routinen ändern müssen, um gut durch dieses Virus zu kommen. Doch Krise ist ja immer auch Chance.

Lasst uns also aufeinander aufpassen, indem wir uns meiden. Lasst uns die Gelegenheit nutzen, kurz zu überlegen, was wirklich wichtig ist. Und lasst uns damit gemeinsam dafür sorgen, dass wir unsere Städte bald wieder so nutzen können, wie bisher – oder sogar (ich sprach ja von Chance, also bekommt Ihr auch Chance) besser, nachhaltiger, solidarischer als zuvor.

Wie sagte gestern der ältere, italienische Herr in der Sondersendung im Ersten, der nebenher die Internationalität von Rentnerbeige unter Beweis stellte?

„Wir bleiben vorsichtig, aber heiter.“

So soll es sein. Und, liebe Nachbarn: Ich helfe Euch gerne, bitte jedoch im Gegenzug für Verständnis, falls es tatsächlich zum Lockdown kommt und mein Stadterkundungs-Bewegungsdrang und ich an die Wohnung gebunden sind.

Die komischen Geräusche von nebenan, das sind mein aus dem vielbändigen Geographie-Lexikon improvisiertes Step-Aerobic-Brett und ich.

Foto: Paul G / Unsplash