Die Option Görlitz

Dann vielleicht doch Görlitz. 

Dass dieser Gedanke sich jemals regen könnte, erschien mir bis vor kurzem in etwa so wahrscheinlich wie ein Zug der Deutschen Bahn in unveränderter Wagenreihung oder die Taufe einer integrativen Kita auf den Namen Friedrich Merz. Dennoch kam er mir in der vergangenen Woche, als ich hastig maskensuchend im Regen vor einer der viel zu schmalen S-Bahn-Brücken im Norden des Prenzlauer Bergs stand und mich angesichts der dort versammelten Massen kaum rübertraute.

Ich liebe große Städte. Doch aller Gründe dafür hat mich die Pandemie beraubt. Museen, Cafés und Coworking-Spaces sind geschlossen; Freunde bleiben sozial-distanziert zu Hause; Dichte ist out. Wo ich im Homeoffice arbeite, im Supermarkt einkaufe und abends auf dem Sofa fernsehe, ist egal. Dafür ist bei Ausflügen in die Außenwelt etwas weniger los, wenn diese keine Millionenstadt ist. 

Seitdem das olle C-Wort unsere Welt bestimmt, schreiben schlaue Journalisten, dass die Menschheit nun in kleinere Städte ziehen wird, oder gleich raus aufs Land. Die Mieten im Großen sind eh zu hoch, der Verkehr zu überwältigend, die Luft zu schlecht, und der Lärm nervt auch. Doch Belege für einen solchen Trend gibt es, mal von wenigen auch anderweitig zu erklärenden Ausnahmen abgesehen (yes, I am looking at you, Brexit), bislang nicht. In Hamburg und München ist die Bevölkerungszahl im vergangenen Jahr sogar leicht gestiegen; in Berlin ging sie minimalst zurück. Womit ich auf Görlitz zurückkomme und meine persönliche Erfahrung, dass es zwar in schwachen Pandemiemomenten keine Rolle zu spielen scheint, was sich jenseits der eigenen vier Wände befindet. Doch für das Lebensgefühl ist nicht immer die direkte Verfügbarkeit, sondern die Option zentral.

Für diese kleine Theorie habe ich sogar Beweise. Fast zwei Jahre ist es her, da durfte ich für vier Wochen einen Traum an Möbel-Roller-Möbeln in einem von außen überaus hübschen Altbau am Rande der Görlitzer Altstadt beziehen. Das Angebot war ebenso wie die damit verbundene Nutzung eines Coworking-Büros kostenlos. Die Stadt Görlitz wollte gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft KommWohnen und dem Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung herausfinden, ob freischaffende Menschen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht auch in der Lausitz leben und arbeiten können wollen und rief das Projekt „Stadt auf Probe“ ins Leben. Von Januar 2019 bis statt Juni dann nur März 2020 kamen gut 40 Haushalte in den Genuss. 

Beim Fall der Mauer lebten knapp 75.000 Menschen in Görlitz. Heute sind es fast 20.000 weniger. Mit diesen gingen zentrale Angebote wie gute Bus- und Bahnverbindungen, Fachärzte, Bildungseinrichtungen sowie Unternehmen und damit Jobs flöten. Ähnliche Geschichten erzählen viele Mittelstädte vor allem, aber nicht nur im Osten Deutschlands (ruhig dem Link folgen, die dahinterliegende Karte ist super-sehenswert). 

Dabei ist es nicht so, als hätten diese nicht weiterhin viel zu bieten. Viel Platz etwa in leerstehenden Altbauten und Fabrikhallen (ich sehe Galerie- und Kreativraumpotentiale!), bessere Luft und eine entspanntere im Sinne von einer nicht existierenden Rush-Hour. Zudem nennen Mittelstädte mit ihrer definierten Größe von 20.000 bis 100.000 Einwohner:innen städtische Eigenschaften wie Kino, Bar, Kaufhaus, Drogerie, Fachhochschule und nicht zu vergessen: die Eisdiele Venezia!, kurz: ein urbanes Zentrum ihr Eigen. Viele sind auch ausnehmend hübsch, was in Kombination eine gerade messbar gemachte, hohe Lebensqualität verspricht. Gleichzeitig stöhnen in München, Berlin und Leipzig Menschen ohne Diplomingenieursdiplom oder McKinsey-Vetrag über unbezahlbare Mieten und zu viel Hype und Hipster. 

Das klingt, als habe hier jemand „Win-Win“ gesagt.

Ob diese beiden Unzufriedenheiten nicht gemeinsam ein Happy End erlebend in den Sonnenuntergang reiten können, war genau die Frage, die Forscher vom Leibniz-Institut an „Stadt auf Probe“ interessierte. Auf Wissenschafts-Deutsch formulieren sie das selbst wie folgt:

“Im Projekt ,Stadt auf Probe – Wohnen und Arbeiten in Görlitz’ wird ein Ansatz analysiert, wie die Potenziale einer Mittelstadt genutzt und gefördert werden und damit Gegenentwürfe zu Abwanderung, Leerstand und einem weiteren Bedeutungsverlust der Städte entstehen können. Es stellt sich die Frage, welches Potenzial für eine Revitalisierung insbesondere peripher gelegenen Mittelstädten zukommt, die jedoch mit günstigen weichen Standortfaktoren ausgestattet sind. Unter welchen Bedingungen kann sich aus den genannten Trends der Stadtentwicklung in Deutschland eine Renaissance der Mittelstädte ergeben? Mit welchen Ansätzen kann die nationale Stadtentwicklungspolitik dieses Potenzial stärken und nutzen?“

Neben dem testweise Leben, Arbeiten und damit Kennenlernen und Erkunden von Görlitz erwarteten uns Teilnehmer:innen daher viele Fragen im Vor- und Nachfeld des Aufenthalts. Was wünschen Sie sich von ihrem Wohn- und Arbeitsort? Was gefällt Ihnen in Ihrer aktuellen Heimat, was nicht, und wie hat sich Görlitz in diesem Erwartungsfeld geschlagen? Die Ergebnisse hat Constanze Zöllter vom Leibnitz-Institut nun im Rahmen einer Ringvorlesung an der TU Dresden bzw. in diesem Internet vorgestellt. 

Richtig gut kamen demnach Übersichtlichkeit, kurze Wege, Parks, Baggersee und Neisse-Ufer und die wunderwunderwunderschönen Altbauten an. Zu Fuß und per Rad ist man in Görlitz schnell überall. Außerdem war der Anschluss an einheimische Gleichgesinnte schnell geschafft. 

Was jedoch nahtlos zu den als negativ empfundenen Aspekten führt. Denn es gibt zwar Szenen und kulturelle wie gastronomische Angebote und stündlich auch einen durchgehenden Bummelzug nach Dresden. Doch wer aus einer Großstadt kommt, für den wird aus übersichtlich schnell: begrenzt. Zudem musste die Stadt zwei ihr gar nicht in den Kram passende Aspekte respektieren: Den offenbar ökologisch hochbewussten Probewohner:innenn war die Nähe zur Autobahn herzlich egal, auf die Görlitz sehr stolz ist. Außerdem interessierten sie sich nicht für den Erwerb von Bauland, das ebenfalls vorhanden ist.

An dieser Stelle möchte ich kurz aus dem bereit stehenden Nähkästen berichten. Denn als ich am zweiten Görlitzer Abend beim frisch gezapften Urquell in einer alten Spinnerei unter netten Leuten bei einer Galerieeröffnung saß, fand ich alles noch total super und super nett. Drei Wochen später hatte ich alle Anwesenden jedoch noch im Freiluftkino, beim übrigens hervorragenden veganen Mittagstisch (unbezahlte Werbung), im Café, dem einzig akzeptablen Biergarten, im Theater und zwischendurch einzelne 50 Mal zwischen Bäcker, dm und Altstadtbrücke getroffen. Alles Orte, an denen ich dank meines gesteigerten Bewegungsdrangs täglich vorbeikam, denn wo sollte ich ohne Auto sonst auch hin? Irgendwann besuchte ich vor lauter Langeweile einen Nähkurs und lernte, selbstständig Kissenbezug und Einholbeutel zu erstellen. Fähigkeiten, die ich seitdem kein weiteres Mal zum Einsatz brachte – und diesen Satz schreibe ich in Monat Elf einer durch eine große Renaissance der Heimarbeit geprägten Pandemie.

Drei Szenen aus den vier Wochen werde ich vermutlich nie vergessen:

  • Der entsetzte Blick unseres Görlitzer Netzwerk-Gottes und Probe-Wohn-Ansprechpartners Lorenz auf meine Frage, wo man jetzt noch ein vegetarisches Abendessen bekäme, dienstags um kurz nach sieben? Die Antwort nach reiflicher Überlegung lautete: „Drüben, in Polen, da gibt es eine Pizzeria, die haben glaube ich auch Margherita und Fungi.“ In den folgenden Tagen lernte ich: Der Görlitzer an sich isst gerne daheim, sodass sich die Restaurants ganz auf die älteren Busreisegruppen mit Rotkohl-Bedarf ausrichten können, die AWO und Volkssolidarität täglich direkt an den Marktplatz karren.

  • Wie die mit mir zeitgleich probewohnende Dresdner Kleinfamilie und ich von Manni vom Späti Mannis Tanke vor die Tür gesetzt wurden. Wir hatten uns erdreistet, a) uns nach einer Alternative zum örtlichen Landskron-Pils zu erkundigen, b) ein Baby mitzuführen und c) und damit zentral: uns anmerken zu lassen, dass wir nicht in fünfter Generation aus Görlitz stammen. Und wer nicht vor hier ist, ist bei Manni (und seinen nicht unzahlreichen Freund:innen) raus.

  • Mein Abend im Görlitzer Theater, in dem sich kurz vor der Mitte Juni 2019 anstehenden Bürgermeisterwahl beide Kandidaten duellierten. Gegenüber standen sich ein Herr von der CDU und einer von der AfD. Letzterer hätte letztendlich beinahe die Wahl gewonnen, und nach diesem Abend möchte ich über die damit verbundenen Folgen lieber nicht fantasieren. Denn seine stiernackigen, tätowierten und – ohne Witz – vor Testosteron und Empörung grunzenden Anhänger (kein Gendern nötig) empfand ich als so aggressiv und bedrohlich, dass ich fürchtete, meine erste Saalschlacht zu erleben. Lange Jahre trieb mich die Frage um, wie der Nationalsozialismus in Deutschland Fuß fassen konnte, und ob eine solche Entwicklung heute wieder denkbar wäre. Seit jenem Abend kenne ich die Antworten: So und Ja. 

Nun ist diese politisch extreme Aufladung der Stadtgesellschaft ebenso eine Görlitzer Besonderheit wie die Grenzlage zu Polen und die nicht oft genug zu erwähnenden tollen, wunderschönen, beeindruckenden Bauten. Dennoch erklärte Constanze Zöllter zum Abschluss ihrer Vorlesung: 

„Viele unserer Erkenntnisse sind auf andere Mittelstädte übertragbar.“

Natürlich verdienen kulturelle Kleinode, niedrige Mieten und soziale Überschaubarkeit ihre gebührende Anerkennung als Standortvorteile. Viele wissen das ja auch zu schätzen. Doch für Menschen mit Großstadt im Herzen ist das einfach nicht genug. Gleichzeitig wollen viele Mittelstädter:innen die verrückten Vögel mit ihren Frischaffenden-Flausen gar nicht haben. 

Meine Damen und Herren, bewundern Sie hier mit mir in freier Wildbahn zwei besonders ausgeprägte Exemplare gegensätzlicher Lebensentwürfe und Lebensgefühle, die (Ausnahmen ausgenommen) nicht zueinandern finden können, denn Wasser und Anspruchsgefälle ist viel zu tief (bzw hoch). 

Für eine begrenzte Zeit, für ein Projekt, aber nicht für immer. So könnte ich mir ein Leben in Görlitz vorstellen. Denn trotz und wegen all ihrer Problemen hat sich die Stadt in den vier Wochen einen Platz in meinem Herzen reserviert. Setzt mich am Bahnhof aus und meine Füße finden blind den Weg zum Rathaus, rüber nach Zgorzelec und über die Brücke, auf der der polnische Papst gestorben ist (Achtung, Fake News! Der Ehrenstein ist nur unglücklich gestaltet) und zurück. Doch auf die Dauer reicht mir diese Reichweite leider nicht. Andere Teilnehmer:innen sahen das laut Constanze Zöllter ebenso. 

Für Lisa Ludewig, Prokuristin der an „Stadt auf Probe“ beteiligten Görlitzer Wohnungsbaugesellschaft KommWohnen ist das eine überraschende Erkenntnis – und nicht die vom gegen den Leerstand kämpfenden Unternehmen gewünschte. Aus der Not eine Tugend zu machen und stattdessen ins Hipster-Wohnungsmarkt-Segment der möblierten Apartments auf Zeit einzusteigen, scheint keine Option. Ludewig: 

„Die Anforderungen an solch eine Wohnung sind sehr hoch. Schließlich wohnen die Bewohner trotzdem mehrere Monate in Görlitz. Die Wohnung muss dementsprechend genauso ausgestattet und wohnlich hergerichtet sein, als wäre es die eigene Wohnung, in der man für einen längeren Zeitraum seinen Lebensmittelpunkt hat. Jedoch kann man schwer jedem Geschmack gerecht werden. Dies ist dann wahrscheinlich die größte Hürde, die wir als Vermieter nehmen müssen.“

Unter uns: Ich hatte ein gebeuteltes Gewissen, als die freundliche KommWohnen-Mitarbeiterin bei der Schlüsselübergabe zum Schluss ganz stolz erzählte, die Gardinchen hätte sie selbst genäht. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die Guten hatten die vergangenen Wochen in der ebenfalls geschmacklich zu diskutierenden Schrankwand verbracht und hingen erst seit zehn Minuten wieder an ihrem Platz. 

Der Graben, das Wasser, die Tiefe: Sie sehen von beiden Ufern unüberwindbar aus.

Für ein denkbares Folgeprojekt könne man sich vorstellen, sich eher auf Familien als Zielgruppe zu fokussieren, so Lisa Ludewig. Ob Sie schon weiß, dass es Familien nicht mehr automatisch mit Eintreffen des ersten Kindes Richtung Vorstadt zieht, danach erkundige ich mich beim nächsten Mal. 

Ich muss gar nicht den ganzen Tag in Cafés abhängen, Museen besuchen und den ICE-Anschluss vor der Tür mit Direktverbindungen nach Hamburg, München, Amsterdam und Wien nutzen. (Fun Fact: Wer von München nach Görlitz möchte, den schickt die Deutsche Bahn gerne über Berlin.) Ich möchte nur die Möglichkeit haben, das jederzeit zu tun (da ist es wieder, das Corona-Problem). Eine Mittelstadt bietet das trotz aller Vorzüge nicht. Und daher behaupte ich jetzt mal ganz frech, dass Metropolen die Pandemie überleben und alle gerade heraufbeschriebene Landflucht vor allem eins ist: ein flüchtiger Gedanke, eine fixe Idee.


Urbanes andernorts

  • “Ein großer Schritt für den Fußverkehr”: Als erste Stadt Deutschlands hat Berlin nun ein Gesetz zum Schutz von Fußgängern. Sie dürfen sich über länger grüne Ampeln und neue Zebrastreifen freuen, schreibt sueddeutsche.de.

  • Schön, wenn es in der Stadt nachts nicht dunkel ist – also schön im Sinne von schlecht, und zwar für Mensch, Tier und Pflanze. Viel über das Phänomen der Lichtverschumutzung habe ich in dieser Folge des Wissenschafts-Podcast von NDR-Info gelernt.

  • Vögel! Über den Vorteil dieser Mit-Stadtbewohner:innen, und was wir für ihr Wohlergehen tun können (bzw. dagegen, dass nicht ganze Schwärme an Glasfassaden verenden), steht bei Fast Company.


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