Echt unterirdisch

Zu den zugegebenermaßen nicht wenigen Schrulligkeiten meiner Kindheit gehört die Tatsache, dass ich im Westen mit den Kinderbüchern des Ostens aufwuchs. Meine Eltern hatten viele Kontakte drüben, wie man damals sagte, eine Freundin arbeitete in einem Verlag, und das alles bedarf an dieser Stelle nur der Erwähnung wegen „Bummi in Afrika“.

Der kleine Bär Bummi, der für die einen keinerlei Assoziationen, für die anderen folgenden hübschen Ohrwurm bereit hält, reist in dieser Folge mit dem Schiff über kleine und große Wellen, um das afrikanische Mädchen Sally zu besuchen. Die damit verbundene politische Agitation Richtung Völkerfreundschaft zwischen sozialistischen und blockfreien Staaten entging meinem vierjährigen Ich. Dafür wurde ich über die Angewohnheit von Sträußen aufgeklärt, ihren Kopf in den Sand zu stecken (wen man halt so trifft auf dem Weg von Ostberlin nach Afrika).

Doch ist es im Sand nicht dunkel und schlecht durchlüftet? Das Konzept verwirrte mich so sehr, dass meine Mutter sich gezwungen sah, mir den Umstand per kleiner Zeichnung näherzubringen. Volià:

Danke fürs Fotografieren an die Schwester mit dem Buch im Bestand.

Damals lernte ich, wie Kopf im Sand aussieht. Heute, in Woche Zu viel der Pandemie, weiß ich, was das soll. Dem C-Wort ist dieser Tage nicht zu entkommen, nicht mal bei eskapistischen Eskapaden wie dem Einschalten von „The Masked Singer“ oder dem Spaziergang durch die Stadt. Denn müssen diese vier Damen wirklich so dringend zu viert von einem Teller Kuchen essen? Und dort drüben sitzt doch die Maske schlecht!

Zumindest bei mir ist der Bedarf nach geistiger Verschnaufpause von dieser Omnipräsenz durchaus vorhanden, und wenn man etwas sozial distanziert unter Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsregeln gut praktizieren kann, ist es doch das Stecken von Kopf in Sand.

Letzterer ist in meiner Berliner Heimat unter dem Pflaster ausreichend vorhanden. Allerdings geht es dort nicht so ruhig zu wie bei Genosse Strauß in Afrika.

Ganz recht, wer seine Themen mit solchen Gedankengängen entwickelt, gehört vermutlich enterbt. Aber so funktioniert mein Hirn, und daher sprechen wir heute über den städtischen Untergrund. Diesen zu nutzen hat diverse Gründe und Vorteile, etwa folgende:

Das Erdreich als… Schutzschicht

Im März 1888 fegte der heftigste aller anzunehmenden Schneestürme über New York City hinweg und nahm bei der Gelegenheit Stromkabel und funktionierende Straßenbahn-Verbindungen gleich mit. Nichts ging mehr, und das ging gar nicht, weshalb die kommenden Jahre damit verbracht wurde, allerlei Kabelage plus die Nahverkehrszüge als U-Bahnen unter die Erde zu schaffen. Heute empfinden wir es als folgerichtig, empfindliche Infrastruktur dort zu lagern, wo Sturm und Schnee nicht hinkommen, aber das war eben nicht immer so.

Mittlerweile wird es zwischen Glasfaserkabel, Kanalisation und Fernwärmerohr geradezu eng. Etwa in New York verflucht man die Tatsache, nicht von Anfang an dokumentiert zu haben, was man wo verbuddelte (yep, das muss aufwändig rekonstruiert werden). Dabei besteht weiterhin Bedarf, Dinge dort unterzubringen. In Stockholmer Neubauvierteln wird beispielsweise der Müll unterirdisch über hydraulische Rohre entsorgt, die nach dem Prinzip Staubsauger allen Abfall, getrennt voneinander, zu zentralen Stellen schaffen. Es wäre doch hübsch, Derartiges überall umzusetzen, und bei der Gelegenheit gleich einen Rückkanal für die Zustellung von Post, Paketen und Lieferessen zu installieren.

Weniger schön, aber auch mit Schutz hat die Anlage von Bunkern zu tun. Mein liebstes Beispiel dafür ist Beijing, wo ab 1969 eine ganze Stadt unter der Oberfläche konstruiert wurde, um sich gegen atomaren Attacken aus der Sowjetunion zu rüsten. Gemeinsam von Karl Marx zu lernen heißt nämlich lange noch nicht, auch eine bruderstaatliche Beziehung zu pflegen. (Wer mehr wissen möchte, bitte melden. Ich schrieb einst ein ganzes Geschichts-Abi darüber, wie sich die nach friedlicher Koexistenz mit kapitalistischen Staaten strebende UdSSR mit dem chinesischen Team „Ziel Weltkommunismus“ überwarf).

Ein Netz aus verzweigten Tunneln wurde angelegt, angeblich, um im Ernstfall die gesamte Stadtbewohnerschaft aufzunehmen. 2007 hatte ich Gelegenheit, mir das damals als Tourist:innen-Attraktion vermarktete Bauwerk anzusehen, und sagen wir mal so: Wer die paar trostlosen Gänge Stadt nennt, zählt auch Großburgwedel zu den Metropolen und Carpi-Sonne zu Getränken mit nennenswertem Fruchtanteil. Zudem schienen die gefühlt 20 Zentimeter Erdreich als Deckel nicht mal Nieselregen abwehren zu können. Doch im Prinzip ist es natürlich clever, Deckenschutz und Unsichtbarkeit zu kombinieren. Der permanente Anblick von Hochbunkern könnte schließlich zumindest einen Teil der Bevölkerung verunsichern.

Ich bitte die schlechte Fotoqualität zu entschuldigen, aber es war 2007 und wir hatten ja nichts.

Um diesen Aspekt nicht komplett fatalistisch enden zu lassen: Bier! In der Variante untergärig bedarf es einer gewissen Reifezeit in kühlen Gefilden, weshalb etwa der Prenzlauer Berg als Brauereistandort im 19. Jahrhundert zu einem nicht zu unterschätzenden Teil bierunterkellert wurde und damit bis heute ist. Dass im zweiten Weltkrieg dort wiederum Menschen Schutz vor Bomben suchten, schließt den Kreis und schafft zugleich den Übergang zu:

Das Erdreich als …Tarnumhang

Ein alternativer Titel wäre: das Prinzip Schrank. In diesen werden in jedem mittelmäßigen Endlich-Freitag-Film im Ersten kurz vor Eintreffen der Schwiegermutter getragene Socken, leere Pizza-Kartons und der Liebhaber zwischengeparkt. Dieses Konzept wird auch in Städten praktiziert. Nach dem oben angesprochenen Weltkrieg landete etwa eine Menge Bombenschutt unter Tage. Wo viel anfiel, etwa in Berlin, baute man sich damit sogar neue Berge. Oder, wie Bayern sagen würden: „Berge“.

Aus dem Auge, aus dem Sinn war auch das Ziel, als man ab den 1950er Jahren in Leipzig zwei künstliche Nebenarme der Flüsse Pleiße und Weiße Elster zu überdachen begann. Beide kreuzten auf ihrem Weg Richtung Stadt Chemiefabriken, was ihnen zu unguter Farbgebung, Geruch und Temperatur verhalf. Das zu ändern hätte stärkerer Umweltauflagen bedurft, doch die hatten keine Priorität, galt es doch gleichzeitig, den Sozialismus aufzubauen. Stattdessen betonierte man die stinkende Brühe einfach zu und versteckte sie somit unterirdisch. Problem, äh: oberflächlich gelöst.

Bis heute spült übrigens der Regen aus den Kriegstrümmern im Untergrund Sulfate Richtung Grundwasser. Der Schwellenwert für Trinkwasser liegt bei 250 Milligramm pro Liter. Im Berliner Zentrum kommen mancherorts bis zu 800 Milligramm zusammen.

Pro-Tipp: Nach ein paar Wochen als Aufräum-Alibi herrscht übrigens auch im Schrank die Pilz-Kultur.

Das Erdreich als… Wertobjekt

Die Häuser von Manhattan hätten vermutlich nie ihre legendäre Höhe erreicht, wenn ihr Baugrund nicht so sauteuer wäre. Freund Kapitalismus und meine schlesische Flüchtlingsoma haben da eins gemeinsam: Sie nutzen, was nur geht.

Unter den New Yorker Wolkenkratzern bilden stabile Granit-Blöcke das Fundament. Wären sie nicht so standhaft, ginge es auf ihrer Basis nicht so weit in die Höhe. Doch zum Beispiel in London sieht das anders aus. Dort haben schon vor Jahren Hausbesitzer:innen begonnen, weitere Zimmer in den Untergrund zu graben bzw. graben zu lassen, denn wer das angeht, gräbt nicht selbst. Wenn der Raum knapp ist und die Bauvorschriften keine Aufstockung nach oben erlauben, finden Sauna, Weinkeller und Kammern fürs Gesinde unter Tage Platz. Eine hübsche Statistik, welche Absurditäten wo entstanden, hat der Guardian.

Der weltlichere Teil der Stadtbevölkerung ist mit dem Prinzip in Form von Tiefgaragen vertraut. Ebenso genannt werden soll an dieser Stelle der Trend, bislang an der Oberfläche tolerierte Infrastruktur zu Untergrundmaterial und damit Baugrund zu erklären. Hudson Yards heißt das komplette Neubauviertel, das in New York auf den Gleisen der Penn Station entstand (Lesern erster Stunde schon aus diesem Newsletter bekannt).

Das Erdreich als… Teil von Schilda

Damit nähern wir uns dem großen Finale und, nun ist es raus: dem eigentlichen Grund für diesen Post. Ich wollte halt einfach mal die folgende Geschichte erzählen, die auch als „Sonderkategorie: Berlin“ laufen könnte, wobei ich nicht ausschließen mag, dass andere Städte auch Derartiges praktizieren. Über entsprechende Hinweise freute sich mich meine große Liebe für Absurditäten sehr.

Im Berliner Sandreich wird nämlich gerne vergraben, was weg soll, aber Kunst ist, oder aus anderen Gründen nochmal gebraucht werden könnte. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die riesige Lenin-Statue vom Friedrichshainer Leninplatz, die nach dem Fall der Mauer demontiert und in den Müggelbergen verbuddelt wurde. Vor ein paar Jahren ging der Fall durch die Medien, weil es den Kopf für eine Ausstellung zu bergen galt.

Lenin, Variante ausgegraben. (Fotos: ZO)

Überraschung! Lenin ist mit diesem Schicksal nicht allein.

An der Siegesallee im Tiergarten ließ Kaiser Wilhelm II. Ende des 19. Jahrhunderts diverse Statuen Brandenburger Kurfürsten und preußischer Königen aufreihen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wusste man nicht recht, wohin damit, schaffte die meisten nach Bellevue und ließ sie in den 1950ern im Schlosspark vergraben – bis 1978 jemand meinte: Doch, kann man noch brauchen, so als Ausstellungs- und Ansichtsobjekt. Seitdem sind die Jungs wieder an der frischen Luft unterwegs.

Mit Skulpturen, deren Erschaffer:innen wahlweise nicht ausreichend oder zu nationalsozialistisch waren, verfuhr man ebenso. Wer ausdauernd genug gräbt, findet neben Blindgängern und NSDAP-Parteiabzeichen also vermutlich auch das Bernsteinzimmer oder CDU-Spendernamen im Berliner Untergrund.

Als finales Finale wollte ich nun eigentlich die Geschichte des Dachs des Berliner Hauptbahnhofs erzählen, das rechtzeitig zur Fußball-WM 2006 fertigzustellen nicht ganz gelang. „Better done than perfect“ dachte man sich damals, beließ es bei 320 statt 450 Metern Länge und vergrub bereits gefertigte, aber nicht mehr installierte Bauteile hinterm Ostbahnhof. So zumindest meine Erinnerung. Kaputtrecherchiert habe ich mir das nun mit der Erkenntnis: Geschichte und Ort stimmen, doch eingelagert wurde im Viadukt der S-Bahnbögen und damit zwar außer Sicht, aber oberflächlich. Mittlerweile ist die Verlängerung des Dachs endgültig abgesagt; die Teile sind verschrottet bzw. weiterverkauft. Leider nicht, wie von den Grünen vorgeschlagen, bei Ebay. Aber eine schöne Geschichte bleibt es weiterhin.

Fazit: In den vergangenen Minuten ans C-Wort gedacht? Nein? Mehr wollte ich heute gar nicht.


Urbanes andernorts

  • Mehr Wissen über nicht nur, aber auch unterirdische Infrastruktur von Städten, und wie das alles funktioniert, genehm? Kate Ascher illustriert das in ihrem Buch “The Works. Anatomy of a City” sehr schön.

  • Das ZDF hat in einer Doku geschaut, wie Tourismus-Ziele mit der Corona-Krise umgehen, was doch gut zur Städte-Tourismus-Reihe an dieser Stelle passt. Danke an @SvenLakemeier für den Tipp!

  • Schon klar, selbstfahrende Autos verändern unsere Städte. Aber das könnte auch ganz anders laufen, als spontan gedacht. Denn warum sollte ich mich zur Bar fahren lassen, wenn die Bar (fährt ja selbst!) auch zu mir kommen kann? Mehr dazu steht bei Fast Company.


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