Stadt:in

Eine von vielen bislang unterbeleuchteten Formen von Diskriminierung ist es, dass Männer im Berliner Lockdown-Winter unterwegs kostenlos aufs Klo gehen können, Frauen aber nicht. Das sind sie, die seltsamen Erkenntnisse, die einen ereilen, wenn man zu lange in einer Pandemie verweilt und das weltbeste Bananenbrot-Rezept und der Sinn des Lebens bereits gefunden sind.

Die begrenzten Temperaturen wie Freizeitmöglichkeiten der vergangenen Monate kulminierten für mich in stundenlangen Spaziergängen. Denn Gehen geht selbst, wenn sonst nicht viel geht. Wer in großer Kälte längere Zeit draußen verbringt, muss irgendwann pinkeln – in Alles-zu-Zeiten ein existenzielles Problem.

Anders als im Wald hat man in der Stadt die Wahl, sich innerlich vor Scham zerfließend, äußerlich Selbstverständlichkeit ausstrahlend zwischen Autos zu hocken oder ein öffentliches Klo (auf-) zu suchen. In Berlin werden diese von einer Werbefirma betrieben, die erfreulicherweise darauf konditioniert ist, Kunden ein angenehmes Umfeld zu bieten. Es gibt eine freundliche Begrüßung („Herzlich Willkommen auf der Berliner Toilette“), Musik, Klopapier, und der Eintritt von 50 Cent lässt sich am neuesten Modell sogar kontaktlos per Handy zahlen – so man denn jemand ist, der aus Gründen lieber sitzt. Die Nutzung der Pissoir-Abteilung des Klohauses ist nämlich kostenlos. Von der sich nicht für alle Geschlechter anbietenden Alternativoption Baum gar nicht erst zu sprechen.

Zum einen nervt mich diese Diskriminierung im Speziellen und der Mangel an öffentlichen Örtchen allerorten im Allgemeinen, seitdem ich beides bemerkt habe, ungemein. Zum anderen bringt mich das dazu, ein schon länger auf der Liste stehendes Thema endlich anzugehen. Die Toilettenfrage ist nämlich zentral für alle, die sich für gleichberechtigte Stadtplanung interessieren. 

Ganz recht: 

„In general, cities work better for heterosexual, able-bodied, cisgender men than they do for women, girls, sexual and gender minorities, and people with disabilities.“

So steht es im Handbuch für Geschlechter-inklusive Stadtplanung und Design, das die Weltbank vor einem Jahr veröffentlicht hat. Den Grund fürs „This is a man’s world“ liefert die Organisation gleich mit: Es gibt schlichtweg viel mehr Männer, die bis heute als Architekten, Ingenieure, Planer und Politiker mitbestimmen, wie eine Stadt auszusehen hat. 

Das Thema ist unglaublich komplex und ich muss spoilern, dass ich in Zukunft vorhabe, weiter ins Detail zu gehen. Für heute folgt ein erster Einblick, wo die Gerechtigkeit noch zu ihrem Recht kommen muss. 

Verkehr

Na selbstverständlich bringt der gute und ebenso gut frisierte Hipster-Vater den Friedrich-Sören jeden ungerade Tag in die Kita und holt ihn an den gerade dort auch wieder ab. Aber im Durchschnitt ist das, was wir heute Care-Arbeit nennen, immer noch Frauensache. (Alle diese ebenso verrichtenden männlichen wie diversen Menschen dürfen sich bei den folgenden Ausführungen gerne mitgemeint fühlen.) Das bringt mit sich, dass sich Frauen anders durch die Stadt bewegen, konkret: mit mehr Zwischenstopps. Schule, Arbeit, Supermarkt, Fußballtraining, Altenheim, Drogerie, Schuster – der ganze Tag ist ein Stop and Go. 

In dicht bebauten Innenstädten ist vieles davon im Idealfall per Fuß und Rad erledigbar. Wenn Fußgänger:innen also überaus miese Ampelphasen zugemutet und Radwege erst nach fünf Tagen von Schnee geräumt werden, ist das nicht nur autoge-, sondern auch geschlechterungerecht. Gleiches gilt, wenn das Ticket für Bus und Bahn nicht für einen festen Zeitraum, sondern nur bis zum nächsten Umstieg gültig ist. Wer an der Apotheke kurz aussteigen muss, zahlt bei einem solchen System nämlich doppelt. Zudem sind Fahrpläne und damit Taktung und Anschlüsse oft auf die Rush Hour der vollzeitarbeitenden Bevölkerung ausgerichtet. Der vormittägliche Kinderarztbesuch wird so durch langes Warten an der Bahnsteigkante noch umständlicher.

Über den fiesen Zustand vieler Gehwege, auf denen über die weibliche Schuhmode fluchende Mütter ihre Babys im Kinderwagen Richtung Bandscheibenvorfall ruckeln, reden wir nach der nächsten Maus. Fehlende Bordsteinabsenkungen werden dann auch Thema sein.

Dabei haben, wie oben skizziert, in altbebauten Stadtzentren lebende Care-Giver:innen noch den Vorteil der Dichte. Ihr Weg von der Wohnung zu den zahlreichen täglichen Destinationen ist meist nicht weit ist. Doch hinter uns liegen Jahrzehnte, in denen dieses Miteinander von Wohnen, Arbeit, Freizeit und Verkehr als Teufelszeug galt. 

Als Charta von Athen wurde das Leitbild bekannt, demzufolge nach dem Zweiten Weltkrieg allüberall neue Wohnviertel hübsch weit entfernt von Jobs und Einkaufsmöglichkeiten entstanden. Viele Frauen kettete das an Heim und Herd, schlichtweg, weil bei großen Entfernungen rein logistisch Kind und Beruf nicht zu vereinbaren sind. Und wer sollte sich sonst kümmern? Papa etwa?!

Das Mastermind hinter dieser Idee der funktionalen Trennung der Stadt war übrigens – Überraschung! – ein Mann.

Öffentlicher Raum

Stellt Euch vor, wir gestalten einen neuen Stadtplatz fürs Viertel. Was stellen wir hin? Schonmal – um das Thema aufzugreifen – keine oder zu wenig Toiletten, um unter hygienischen Bedingungen zu pinkeln und zu menstruieren. Keine Wickelmöglichkeiten. Keine vor Blicken geschützten Bänken zum Stillen. Aber an Reckstangen für die publikumswirksame Körperertüchtigung sowie gute Parkmöglichkeiten in Parknähe wird sicher gedacht. 

Diese Diskriminierung bei der Gestaltung gemeinsam genutzter Flächen beginnt schon in frühen Jahren. Was baut man, wenn man diesen jungen Menschen von heute was Gutes tun will? Skateparks und Basketballplätze. Was nicht bedeutet, dass Mädchen nicht auch ganz hervorragende Skater- und Basekballerinnen sein können. Doch aus Befragungen weiß man, dass diese noch lieber vor Wind, Wetter und ungewollten Einblicken geschützte Orte hätten, um mit ihrer Clique quatschend abzuhängen.

Was uns zum dritten Teil dieses Schnelldurchlaufs in gendergerechter Stadtplanung bringt.

Angst und Sicherheit

Ich persönlich habe eine Superkraft, die so geheim ist, dass ich sie selbst lange nicht bemerkte. Als in Neukölln die Rütlischule metaphorisch brannte, lebte ich sehr entspannt am Hermannplatz. Nachts ging ich furchtlos in der festen Überzeugung heim, dass die Clans sich schon gegenseitig in Schach und von mir fern hielten. 

Als Frau bin ich mit dieser Ignoranz jedoch ziemlich allein. Zwar zeigen die Zahlen, dass Übergriffe öfter zu Hause und durch bekannte Personen erfolgen als durch Fremde auf der Straße. Doch der empfundenen Bedrohungslage entspricht das nicht. 

Vor allem im Dunkeln tragen viele Frauen ihren Schlüsselbund in der Faust mit sich herum, um gegen mögliche Angreifer semi-bewaffnet zu sein. Kein Wunder, wenn man tagtäglich taxiert, kommentiert und angesprochen wird. Ein Park? Eine dunkle Seitenstraße? Ein unübersichtlicher Platz? Viele laufen lieber ein paar Kilometer Umweg, als (nachts) da durch. Der Vorwurf, sich andernfalls unverantwortlich zu verhalten, wird bei solchen Entscheidungen eingepreist. „Was trägt sie auch einen kurzen Rock und läuft allein durch den Wald“ – so sieht klassisches Victim-Blaming für Opfer sexueller Übergriffe aus. 

In Folge dessen hat jede Stadt geheime No-go-Areas, und selbst ich stumpfes Wesen ginge nach Sonnenuntergang niemals allein durch den Humboldthain, die Kleingärten oder den Weg an den Bahngleisen entlang nach Hause. Und wenn ich es täte und heile ankäme, dann mit dem Gefühl, großes Glück gehabt zu haben, nochmal davon gekommen zu sein – dabei ist die freie Wahl des Heimwegs ein Menschenrecht. 

Angst ist individuell und oft irrational. Ein Allheilmittel dagegen gibt es nicht. Das Problem (sexueller) Übergriffe gegen Frauen ist tief in der Gesellschaft verankert; gute Stadtplanung allein hilft nicht. Doch bessere Beleuchtung, größere Übersichtlichkeit, angenehmere Fußwege entlang belebterer Orte können die Situation verbessern. Wer einen Park gestaltet, möchte zum Schutz von Fuchs und Fledermaus zwar das Licht ausschalten. Doch ein paar Laternen entlang des zentralen Weges nimmt jede im Winter nach Feierabend durchradelnde Frau nur zu gerne (und alle anderen vermutlich auch). 

Darüber hinaus ist es möglich, in Parks und Parkhäusern Notrufsäulen aufzustellen oder auf dem S-Bahngleis eine gut ausgeleuchtete Wartezone mit Wachpersonal zu installieren. In Tokio und Taipeh haben zu manchen U-Bahn-Wagen nur Frauen Zutritt. Und manchmal hilft es schlichtweg, die Hecke regelmäßig zu schneiden. 

Wie immer, wenn es um mehr Sicherheit geht, ist der zu bewandernde Grat schmal. Überall Überwachungskameras oder paramilitärische Trupps aufzustellen, fände ich persönlich auch nicht optimal. Zudem wirken unter Brücken abhängende Obdachlose oder gemischte Punk-Kampfhund-Gruppen zwar bedrohlich. Sie komplett aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen kann aber nicht die Lösung sein.

Es ist kompliziert und wird noch komplizierter, wenn man weiteres Diskriminierungspotential etwa gegenüber Menschen mit Behinderungen bedenkt. Klar ist jedoch, dass es nicht bleiben kann, wie gewohnt.

Viele Städte haben das mittlerweile eingesehen und setzten sich für geschlechtergerechtere Gestaltung ein. Konkrete Tipps und Beispiele bietet etwa das bereits genannte Handbuch der Weltbank, vom Weg zur sichereren Busfahrt durch London bis hin zu einer gerechten Schneeräum-Reihenfolge im schwedischen Karlskoga.

Ein beliebtes Beispiel für eine Stadt, die das Thema seit den 1990er Jahren auf dem Zettel hat, ist Wien. Wenn ein Park neu anzulegen ist, dürfen die Mädels aus der Nachbarschaft mitreden und bekommen Volleyballfeld, Tanzfläche und Baumhaus dann auch hingestellt. Zudem ließ die Stadt Architektinnen und Planerinnen zwei Wohnkomplexe gestalten – ganz recht, auch Wohnen wird anders, wenn Frauen mitbestimmen, wie das geht. In den beiden Anlagen Frauen-Werk-Stadt I und II ist von der Kita über Altenwohnungen bis zur Polizeiwache alles integriert. Vom Küchenfenster hat man den Spielplatz im Blick, und die Tramhaltestelle liegt direkt vor der Tür.

Egal, wo in Wien Politik und Verwaltung Entscheidungen treffen, die speziellen Sichtweisen aller Geschlechter fließen mit ein. Gender-Mainstreaming nennen Experten das. 

Für viele Frauen verspricht das Leben in der Stadt Befreiung. Urbane Orte sind oft progressiver, was ein Überwinden traditioneller Geschlechterrollen leichter möglich macht. Dabei hilft auch die bessere Infrastruktur wie mehr Kitas und regelmäßiger fahrende Busse, dank derer sowohl Kind als auch Karriere möglich sind. (Ich wiederhole mich an dieser Stelle gerne: In gleichberechtigten Partnerschaften profitieren alle davon.)

Über Jahrhunderte war es Männern vorbehalten, zur Zeitungslektüre ganz allein einen Kaffeehaustisch zu okkupieren. Heutzutage ist das in westlichen Städten auch für Frauen kein Problem. 

„Perhaps being alone while out in the city is so precious for woman because at home we’re always in demand“,

meint dazu die kanadische Geographin und Gender-Forscherin Leslie Kern, deren Buch „Feminist City: Claiming Space in a Man-made World“ ich für diesen Text gelesen habe. Uneingeschränkt empfehlen kann ich es leider nicht – allein, weil sie gar nicht in Erwägung zieht, dass jemand anderes als Frauen Care-Arbeit übernimmt. Aber viele Denkanstöße und Beispiele habe ich von ihr. 

Was ich eigentlich sagen wollte: Städte sind tolle Orte für Frauen. Noch besser zu werden wäre jedoch nicht verkehrt. 


Urbanes andernorts

  • Verdammte Axt! Unsere Städte sind zu schwer für ihren Untergrund und sinken ein, schreibt das CityLab.

  • 98 Meter Höhe und 29 Stockwerke zählt Deutschland höchstes Wohnhaus aus Holz. Das soll nun in Berlin entstehen und ist auch aus anderen Gründen interessant (sowie übrigens frauengerecht), siehe taz

  • Zu Beginn des Jahres II im Zeitalter Pandemie vermissen wir alles, sogar überfüllte U-Bahnen und den schlechten Kaffee im Großraumbüro. Zumindest gegen die Entbehrung namens Geräuschpegel in der Bar gibt es nun Abhilfe in Form der Website „I Miss My Bar.“ Freunde von Fernseh-Kaminen werden sie lieben. 


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