Warum es nicht mehr Zebrastreifen gibt

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Es gibt sie noch, die guten Dinge, von denen man nie genug haben kann. Nougatschokolade. Weltfrieden. Rückenmassagen. Jedes dieser Göttinnengeschenke verdiente seine eigene Ode, doch meine heutige soll dem Zebrastreifen gelten. 

Gepriesen seist du, gefahrenreduzierende Fahrbahnkreuzungsmöglichkeit, für die kein Strom, kein Mast, kein Beton, sondern nur ein wenig Farbe nötig ist. Im Gegensatz zu deinem Pendant und meiner Erzfeindin: Nimm dies, elende Fußgänger:innenbedarfsampel, die immer Rot zeigt, außer, es hat jemand das Knöpfchen gedrückt. Und selbst dann dauert es bis Grün noch eine lange Weile.

Wie viel meiner zwar aktuell nicht allzu rar erscheinenden, aber doch kostbaren Lebenszeit verbrachte ich wartend an menschenleeren Straßen vor roten Ampeln, um diese irgendwann entnervt doch zu überschreiten. Das einzige Auto weit und breit nähert sich qua Naturgesetz erst, wenn sich Hochherrschaft Ampel doch zum Umschalten aufrafft, was jugendgefährdende Flüche auf allen Seiten nach sich zieht. Falls jemand die Urdefinition einer Lose-Lose-Situation sucht: Sie hört auf den Namen Fußgänger:innenbedarfsampel. 

Freund Zebrastreifen hingegen ist allzeit funktionabel und einsatzbereit. Zu Fuß kann man nach kurzem Schulterblick beherzt ausschreiten, als Auto oder Rad kurz ausrollen, und wenn gerade niemand sonst vor Ort ist, haben alle freie Bahn. 

Win-Win!

Wer hat’s erfunden? Ganz ursprünglich die ollen Römer. Sie platzierten ein paar Steine in die tiefergelegten Fahrspuren, was Quadrigalenker:innen zum Abbremsen zwang und allen zu Fuß den bequemen Übergang gewährte. Einer dieser Urstreifen wurde in Pompeji ausgebuddelt.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Thema mit zunehmender Mobilität erneut akut. Als Maries Gatte Pierre Curie 1906 in Paris beim Queren der Straße von einem Pferdefuhrwerk überrollt und tödlich verletzt wurde, deutete sich die Misere bereits an. Die Erfindung des Autos verschärfte das Problem um unzählige PS und schaffte Gefahren, die in einer Welt aus Fußgänger:innen Jahrhunderte lang unbekannt gewesen waren. 

Warum in dieser Situation ausgerechnet Letztere, trotz Gewohnheitsrecht, als störender Ballast im Verkehrssystem einsortiert und überall den Interessen der Stärkeren Vorrang gewährt wurde, ist ein Umstand, den ich nicht verstehe und kommende Generationen voraussichtlich so auch nicht mehr akzeptieren. Die Zeiten, in denen mordswichtige Fabrikanten in ihren Automobilen zur Arbeit eilten, während die fußläufige Gattung Gattinnen alle Zeit der Welt zum Verbummeln hatte, sind lange vorbei – oder hat es eh so nie gegeben.

Doch zurück zur Geschichte und damit zu den Briten, die in den 1930er Jahren die ersten Zebras auf der Insel verlegten. Deutschland folgte Anfang der 1950er Jahre, als ausreichend Menschen Geld für einen eigenen Wagen hatten und in der Folge die ersten Übergänge in Berlin, München, Hamburg auftauchten. 

Im westdeutschen Behördendeutsch liefen diese zunächst unter dem Begriff „Dickstrichkette“. Die Legende will es, dass die Verleihung von Plaketten als „Zeichen eines besonders rücksichtsvollen Autofahrers“ durch die Lokalzeitung Hamburger Abendblatt den sprachlichen Weg zum Zebra bereitete. 

Ich hege jedoch den leisen Verdacht, dass diese Transferleistung ins Umgangsdeutsch im Angesicht eines gestreiften Objektes auch so erfolgt wäre. 

In der DDR hörte das Konzept auf den schönen Namen Fußgängerschutzweg.

Seitdem genießen Fußgänger:innen das Privileg der Vorfahrt am Zebrastreifen. Wer im Auto, LKW oder auf dem Rad dieses missachtet, riskiert bis zu 120 Euro Strafe und einen Punkt in einer norddeutschen Stadt, die man außerhalb von Flensburg nur für besagtes Register sowie sein extravagant zu öffnendes Bier kennt. 

Womit wir zwischenfazitieren können: Toller Name! Simples Konzept! Ressourcenschonend! Da drängt sich eine Frage auf: Warum zur Hölle gibt es davon nicht viel mehr?!

Tausende Bürgerinitiativen vor mir haben die Antwort darauf in mühsamer Kleinstarbeit am eigenen Nervenkostüm erfahren. Der Tagesspiegel hat vor ein paar Jahren für Berlin mal die einzelnen Verwaltungsschritte auf dem Weg zum Überweg zusammengetragen und ist auf ein munteres Pingpong zwischen Bezirk und Senat in 18 Etappen und mit drei Jahren Laufzeit gestoßen.

Aktuell hat die Stadt ihr Herz für Füße entdeckt und ein extra Fußgänger:innengesetz verabschiedet, das eine Verschlankung des Prozesses auf eineinhalb Jahre vorsieht. Was immer noch länger ist als ein lebendiges Zebra für sein Werden von der Zelle zum Flauschtraum benötigt. 

Ganz recht, hier gibt es keinerlei Grund, jetzt nicht ein Zebrafohlen zu zeigen:

Aus Verwaltungssicht läuft die aktuelle Impfkampagne demnach in Schallgeschwindigkeit.

Doch die Tatsache, dass deutsche Behörden so überambitioniert wildwüchsig agieren wie die Haare in Markus Söders Corona-Frisur ist nur ein Teil der Antwort auf meinen unerhörten Zebra-Bedarf. Der andere reagiert auf den schönen Namen R-FGÜ 2001 und ist leider kein Star-Wars-Charakter, sondern kurz für „Richtlinien für die Anlage und Ausstattung von Fußgängerüberwegen“ aus dem Hause Scheuers Andy, auch bekannt als Ministerium für Verkehr, Bau und Wohnungswesen. Sie ergänzen die komplizierten Zuständigkeitsstrukturen um den hübschen, ebenfalls urdeutschen Faktor der übermäßigen Regulierung. 

Ein Zebrastreifen ist demnach nur dort erlaubt, wo die Ortschaft geschlossen, das Tempolimit bei maximal 50 km/h und je Fahrtrichtung nur ein Fahrstreifen überquerenswert ist. Eine Ampel in der Nähe? (Verzeihung, ich meine natürlich LZA, wie Freunde des Wahnsinns Lichtzeichenanlagen abkürzen.) Eine Grüne Welle? Eine Straßenbahn ohne eine eigene Gleisspur? Sorry, Leute! Hier geht für ein Zebra nichts. 

Zudem müssen Autofahrer:innen die Querung samt dazugehöriger Fußgänger:innen schon von Weitem sehen können, was gegen Zebras an Hügeln, Kurven oder direkt hinter Kreuzungen spricht. Natürlich muss über eine Verkehrszählung erstmal ermittelt werden, ob überhaupt ausreichend Menschen aller Verkehrsarten das aufwändige Aufbringen von vier bis neun Farbstreifen rechtfertigen. Ach so, und wenn schon Tempo 30 gilt, braucht man einen Zebrastreifen in der Regel ebenfalls nicht. 

Meint zumindest R-FGÜ 2001. 

Ein wenig Flurbereinigung in diesem Dschungel täte dem Verkehrsfluss aus meiner Sicht gut. Bis dahin bleibt es mir nur neidisch auf andere Länder mit weniger Berührungsängsten zu schielen. Am krassesten ist mir das während meines Probewohnmonats in Görlitz aufgefallen, wo man sich nach Überqueren der Grenze zu Polen vor lauter Zebras kaum retten kann. In Warschau geht der Enthusiasmus sogar so weit, die Streifen auch auf Radwegen zu platzieren. 

Keine schlechte Idee, wenn man das Durchschnittstempo tollkühner Rentner auf ihren fliegenden E-Bikes einkalkuliert. Ebenso wie die beleuchtete Variante, die ich einst in Dubrovnik erblickte. 

Daheim bleiben mir derweil nur Neid und Wehmut. Wenn ich mal wieder stundenlang vor einer roten Fußgänger:innenbedarfsampel hänge, habe ich für diese Gefühle ja Zeit.


Urbanes andernorts

  • Warum die Doku „Wiener Plätze“ heißt, die aktuell in der 3sat-Mediathek steht, habe ich nicht ganz verstanden. Vielmehr scheint jemand im Filmarchiv wahllos die Suchbegriffe „Wien“ und „historisch“ eingegeben zu haben. Was dabei ans Tageslicht kam, ist aber sehenswert, weil es viel über die Entwicklung Wiens erzählt – und über die Wiener:innen an sich. Allein für die Charaktere, die zu Wort kommen, lohnt es sich.

  • Wenn ich nicht durch New York laufen kann, muss ich halt laufen lassen: Alex T. Wolfe spaziert kreuz und quer durch alle five boroughs und erzählt davon in seinem Newsletter „Pedestrian“, der wie Zentrale Orte bei Substack erscheint.

  • Der Trend geht zum unterirdischen Haus – zumindest, wenn der Boden fürs Draufbauen zu verseucht ist, die Immobilienpreise explodieren und jemand entdeckt hat, dass der Aufenthalt unter Tage ganz energiesparend sein kann. Fast Company berichtet aus Chicago.