Warum wir in Städte reisen

Foto: Anelale Nájera via Unsplash.

Der neu eröffnete U-Bahnhof in Harlem, New York City.

Der in eine hochbehauste Trabantenstadt gegossene sozialistische Wohntraum namens Novi Zagreb, Zagreb.

Der erste Pfandautomat Großbritanniens in Fulham, London. 

Die Stadtbrille zu Amberg.

Das raketenwissenschaftshafte, Vakuum-betriebene Müllsystem im Neubauviertel von Norra Djurgårdsstaden, Stockholm.

Der nachträglich mit einem Unigebäude überdachte Franz-Josefs-Bahnhof im 9. Bezirk, Wien.

Was Menschen bei der Wahl ihrer Urlaubsziele anzieht, ist sehr unterschiedlich – oder, wie es dem Zeitgeist entsprechend heißt: individuell. Ich persönlich reise in Städte, weil ich a) Städte liebe und mich b) wahnsinnig interessiert, was dort anders/besser/inspirierender bzw. in der Kategorie „Bitte nicht nachmachen“ läuft. Ich muss nicht ins Museum of Modern Art, wenn ich stattdessen den heißesten Scheiß in Sachen Radweg-Begrenzung besichtigen kann. Poller oder kein Poller, das ist hier die Frage. Und, dessen bin ich mir vollends bewusst: ein, mein Spleen.

Die Frage, die mich schon eine Weile umtreibt, ist: Was ist eurer und der aller anderen Menschen, die seit Jahren die Stadtbereisezahlen nach oben treiben? 

Warum wir uns gerne eine Woche an den Strand in die Sonne legen oder per Hütten-Hopping die Alpen überqueren, erscheint mir recht klar. Raus in die Natur, um Nichts bzw. endlich körperlich Viel zu tun: Das ist als Motor der Reiselust sicher genug.

Aber warum fahren wir, die wie die meiste Zeit zwischen Beton und Autos verbringen, gerne an andere Orte, wo zwar anderer, aber doch sehr vergleichbarer Beton und ebensolche Autos warten?

Natürlich gibt es komplette Wissenschaftszweige, die sich seit Jahrzehnten dieser Frage widmen, #Tourismusforschung. Aber immerhin kannte ich mal eine Geographie-Kommilitonin, die darüber eine Hausarbeit geschrieben hat. Zudem gehört es zum journalistischen Ehrenkodex, Fachleuten mit laienhaften Kurzzeitdiagnosen auf die Füße zu treten, und Freund Immanuel Kant verpflichtet auch mich. Kurzum, ich fühle mich zur Analyse dieses Komplexes viertelqualifiziert. In Zeiten des Trumps ist das doch schon viel.

Wohlan, ich habe mir Folgendes gedacht:

  • An den Berliner Ballermann-Bruder zwischen Weserstraße und Wrangelkiez pilgern die Kids für die Party. Drei Tage wach und ein Krankenhausaufenthalt mit Diagnose „Überenergygetränkt“ sind Mindestziel, bevor es zurück geht in die Partylocation-Mangelwirtschaft.

  • Kultur-Kenner:innen können Mona, Lisa und ihr Lächeln nur im Louvre zu Paris, Goethes Fausthandschuh nur in dessen Haus in Weimar und das Ensemble des Burgtheaters nur in eben jenem zu Wien bewundern. 

  • Irgendwo müssen zurecht-globalisierte Befreundete und Verwandte ja wohnen, und irgendwann will man sie und ihre Heimat kennenlernen und sehen. 

  • Und den besten Donut gibt es halt nur in New York, den besten Döner in Berlin und irgendwas mit Sternen irgendwo (kleine Speisen zu großen Preisen sind, sorry, nicht mein Spezialgebiet).

Aber was treibt die Menschen zu Tausenden vors Brandenburger Tor? Warum zwängen sie sich drei Stunden in einen Bus, um durch dessen minderwertig gereinigtes Fenster London zu betrachten? Und warum zur Hölle hinterlassen sie ständig Schlösser an der Brücke von Köln-Deutz? 

Ich schweife ab, aber nur ein wenig. 

„Ich war da!“ Das scheint mir ein urmenschlicher Instinkt zu sein, der dem Aufsuchen dieser Destinationen innewohnt. Seht her, werte Follower:innen bzw. Empfänger:innen dieser Postkarte, hier ist das Colosseum. Folglich habe ich mich persönlich von seiner Existenz überzeugt. 

Über Jahrhunderte war diese Praxis nur Menschen vergönnt, deren Dasein als Privatier oder, eher selten, Privatière dank Adel oder Farbikerb:innentum zwischen Siegelring und Nummernkonto-Code in der Wiege lag. Doch in Zeiten von EasyJet, EasyBus und EasyHotel ist alles easy, auch das Stemmen des nötigen Reisebudgets. Zudem hat die wirtschaftliche Entwicklung mittlerweile Chines:innen, Inder:innen und weitere Bewohner:innen vermeintlich unterentwickelter Länder ins Urlaubsboot geholt. 

Reisen für alle! Die Demokratin in mir kann diesen Trend nur begrüßen, während sich die Hedonistin an der zudem innewohnende Motivation erfreut: Reisen – einfach, weil es geht! 

So soll es sein, so kann es bleiben – außer, dass halt nicht. Denn die steigenden Übernachtungszahlen nützen zwar den Städten für ihre Wirtschaftsbilanz. Tourismus bringt Einnahmen, Tourismus schafft Jobs. Aber geht leider auch mit dem ein oder anderen Problemchen einher. 

Foto: Zentrale Orte

Das erste sei an dieser Stelle nur gestriffen. „Klimawandel und Flugscham“ sind schließlich längst als eigenständige Ressorts in Tageszeitungen etabliert und nun kurz davor, Bundesministerium zu werden (bitte nicht an Andy Scheuer oder Alexander Dobrindt verramschen. Vielen Dank).

Doch dieser kleine Newsletter fokussiert sich bekanntlich auf Städte, und denen tun die vielen Reisegruppen auch nicht gut. Aus Wohnungen werden Ferienwohnungen, aus Supermärkten Spätkaufs, aus Wohnkiezen Partyhochburgen, und ins Zentrum trauen sich vor lauter Fähnchen-Hinterherlaufenden mit Nutella-Crêpe-Bedarf keine Einheimischen mehr , Stichwort Over-Tourism, Stichwort „Mehr dazu stand schon in Teil 2 dieser Serie“.

Folglich kommen wir um eine Frage nicht rum – mag sie mich persönlich auch nerven, weil Reisen und Anderes Sehen einfach super sind für Horizont und Offenheit gegenüber Verschiedenheiten und überhaupt. Sie lautet: Was suchen die Menschen, die in Städte reisen? Und können sie es nicht, zumindest teilweise, auch anderswo finden? 

In den vergangenen Wochen hörte ich, zum einen, im MitVergnügen-Podcast ein Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa von der Uni Jena. Dieser hat schon vor einiger Zeit seine eigene Theorie um den Begriff Resonanz geschaffen. Die ist, der Fachbereich Soziologie verpflichtet, komplex. Ich wage mal vereinfachend zusammenzufassen, dass Menschen immer nach etwas streben. Mal wollen sie mehr besitzen, mal forschen sie nach dem Sinn des Lebens. Um dabei weiterzukommen, brauchen sie Gegenüber, die Anreize geben, in Schwingungen versetzten. Im Angesicht anderer Menschen, aber auch anderer Orte entstehen solche Resonanzräume. 

Allerdings werden die Möglichkeiten, so mit der Welt in Beziehung zu treten, immer vielfältiger, was uns Interaktions-Junkies in eine Aufwärtsspirale wirft. Noch ein Facebook-Freund, noch eine WhatsApp, oder eben: noch eine Reise! Hauptsache mehr, mehr, mehr. Zudem besteht die Gefahr, dass wir trotz perfekter Planung des Resonansvergnügens vorm Eiffelturm stehen und merken: In mir schwingt da nichts. In der Folge buchen wir noch mehr, noch anderes. Letztendlich sind wir komplett überreizt, und unsere Destinationen auch. Wer in den vergangenen Monaten, so wie ich, bis knapp vor Langeweile zwangsentschleunigt wurde, dafür jetzt aber bedeutend besser schläft, kennt das Prinzip. 

Zum anderen las ich erst dieses Interview im Philosophie-Magazin mit und dann das ganze Buch „Ferienmüde“ von Valentin Groebner, Historiker an der Uni Luzern. Groebner ist etwas handfester als sein Soziologie-Kollege Rosa unterwegs, wenn er schreibt:

„Ferien waren das Versprechen gewesen, dass man Veränderung und Überraschung bestellen könnte, als unfehlbare Anti-Überdruss-Maßnahme gegen den eigenen Alltag. (…) Weil ich mich selbst nicht herauslösen kann aus dem, was mich festhält, soll es die Urlaubsreise für mich tun: Mich verwandeln.“

Urlaub bezeichnet er als „Wunderwaffe des Wohlergehens“. 

Die Zutaten, um die ich diese Gedanken ergänzen möchte, sind die Kräuter der Provence unserer Gesellschaft und Zeit. Sie heißen Neoliberalismus und Digitalisierung. Beide haben sich vom Außergewöhnlichen in die Omnipräsenz vorgearbeitet – und uns dabei ordentlich ruiniert.

Gut, das ist jetzt vielleicht etwas übertrieben formuliert, und Friedrich Merz ist sicher ein zumindest mit sich selbst sehr zufriedener Mensch. Aber in meinem Umfeld sind viele im (Arbeits-)Alltag über die Maßen erschöpft und gefordert – weil die für die anfallende Arbeit nötigen Kolleg:innen weggespart wurden. Weil sie eingebimst bekamen, dass ohne 80-Stunden-Wochen keinerlei Karriere läuft. Weil sie diese 80 Stunden pro Woche arbeiten müssen, um überhaupt ihre Miete reinzubekommen. Oder weil sie fürchten, jederzeit ersetzt werden zu können, wenn sie nicht 120-prozentig funktionieren, auch nach Feierabend, denn dieses Diensthandy ist doch Privileg und nicht etwa Pflicht. 

Es gibt mittlerweile ein ganzes Arsenal an Texten, die sich diesem Phänomen des nicht eingelösten Leistungsversprechens widmen, die zu erbringen sich für viele eben nicht lohnt. Wer nur einen Artikel lesen mag, nehme diesen hier. 

Was das mit Urlaub zu tun hat? Das ist die Flucht. Das ist die Zeit, aus dem Hamsterrad auszusteigen und sich in ein Leben zu träumen, das anders, besser, schöner ist. Wer nach 1980 geboren wurde, dem bringt die Vollzeitstelle oft nicht die halbe Million Euro, die bei Erwerb eines bescheidenen Eigentums am Arbeitsort Großstadt fällig wird. Für Ferienflieger, Ferienwohnung und Avocado-Toast, dafür reicht es hingegen schon. 

Natürlich betrifft das nicht alle Reisenden. Wer als Rentner:in mit dem Bus kommt, ist bei dieser Theorie raus. Aber wer bucht denn all die AirBnbs, gegen die Städte gerade massiv vorgehen? Und warum? Es sind Menschen, die da, wo sie ankommen, keine Tourist:in sein wollen, sondern Einheimische:r und damit Alltagsbeteiligte:r. Die AirBnB-Slogans „Live like a local“ bzw. „Belong anywhere“ kommen nicht von ungefähr. 

Natürlich spielen für diese Ferienroutinen auch andere Dinge eine Rolle, etwa der Trend, der zu Individualismus statt Pauschalurlaub geht. Zudem suchen und finden wir unterwegs unvergessliche Erlebnisse, Abwechslung und Inspiration oder wollen schlichtweg in London sein. Darüber hinaus, da wiederhole ich mich gerne, ist Reisen für Verständigung und Verstehen der Völker ein Zugewinn, der angesichts zunehmender Nationalismen zu begrüßen ist.

Aber wenn ihr mich fragt (und wir kurz die aktuellen Corona-Umstände vergessen), würde mancher Städtetrip nicht gemacht, wenn alle zu Hause glücklicher wären. 

„Städte, die zum Touristenziel werden, verwandeln sich in Konserven ihrer Selbst“,

schreibt Valentin Groebner – und das ist, wie gesagt, nur ein Problem. Sicher kann das Verbot von Ferienwohnungen und Souvenirshops in Innenstädten helfen, die Folgen der explodierten Tourismuslast abzufedern. Doch das erfasst, eventuell, so meine individualistische Millennial-Überlegung, nur einen Teil des Problems. 

Was meint ihr? Ich freue mich über Kommentare oder Mails an post (at) zentraleorte (.) de.


Urbanes hier

Dies ist der dritte und vorerst letzte Teil einer kleinen Reihe über Städtetourismus. Bisher erschienen:

Urbanes andernorts

  • “Menschen machen Städten” übersetze ich mal frei, was in der Ausstellung “Living the City” im Berliner Ex-Flughafen Tempelhof seit Kurzem zu sehen ist. 50 Projekte aus 20 Ländern werden vorgestellt. Ich war leider noch nicht da, aber es erscheint mir das Aufziehen eines Mund-Nasen-Schutzes wert. Bis Ende Dezember ist dazu Gelegenheit.

  • Ein paar Zeilen Radlerrüpel-Hass hat der Tagesspiegel. Mich nervt’s auch – auch, dass es leider stimmt.


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